Matthies meint : Sturm im Guppyglas

Manchmal ist mir das Journalist-Sein irgendwie unangenehm. Nämlich immer dann, wenn sich Kollegen unter heftigem Wedeln mit dem Presseausweis zur unantastbaren vierten Gewalt stilisieren, so, als seien sie gerade in einer bundesweiten Wahl mit großer Mehrheit in ihrem Amt bestätigt worden. Sich spreizen, selbst beweihräuchern, unentbehrlich finden – das sind, wenn Sie’s bitte für sich behalten wollen, Neigungen, die in unserem Berufsstand eher überdurchschnittlich oft zu finden sind.

Was mich auf die Sache mit den Guppies bringt. Eine dänische Fernsehjournalistin hat vor sechs Jahren den Beweis führen wollen, dass ein bestimmtes Anti-Schuppen-Shampoo schädlich sei. Dazu nahm sie ein Aquarium mit Zierfischen und kippte vor der Kamera das verdünnte Shampoo rein. Ein paar Tage später waren die Fische alle tot, ein gewiss großer Sieg für den Verbraucher- und eine Niederlage für den Tierschutz.

Später gab es einen Prozess, die Journalistin wurde wegen Tierquälerei ein wenig verurteilt, man ging in Berufung – und nun hat ein Obergericht das Verfahren mit dem Hinweis eingestellt, es sei nicht nachgewiesen, dass das Experiment Angst und Leid bei den Guppies verursacht habe, und außerdem sei das alles schon zu lange her.

Okay, das mag so sein, und möglicherweise werden ja auch in den Shampoo-Labors heimlich Fische vergiftet. Doch ist nun Ruhe? Nein: Die Freigesprochene teilt lauthals mit, es handele sich bei diesem Urteil um einen „großen Sieg für die Arbeit der Journalisten.“ Hallo? Ein Sieg, der darin besteht, dass es faktisch für legitim erklärt wurde, zwölf Zierfische öffentlich schön langsam umzubringen, nur um damit einen (offenbar auch noch ziemlich idiotischen) Nachweis zu führen?

Es ist ja so: Falls demnächst ein Drei-Sterne-Koch eine Fischsuppe solcherart zubereitet, dass er Fische in ein Glas tut und oben Olivenöl drauf gießt, bis sie erstickt sind – dann werden wir ihn diskret von starken Männern in einem vergitterten Auto abholen lassen. Dient das Experiment aber einem streng journalistischen Zweck, ist möglicherweise sogar als investigativ zu betrachten und gegen die bekanntlich stets verbrecherischen Umtriebe der Industrie gerichtet, dann ... Siehe oben.

Nicht gemeldet wurde uns aus Dänemark, wie viele Kinder das Experiment nach dem Vorbild der Sendung selbst ausprobiert haben, vielleicht mit Dillessig, Weizenbier oder Rostlöser? Es wird den Fischen nicht bekommen sein – aber es hat sicher ein paar journalistische Nachwuchskarrieren begründet.

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