Matthies meint : Sushi? Lieber gut durchkochen!

Höchste Zeit für eine Japan-Kolumne! Selbst Menschen, die unter „Geigerzähler“ bislang einen untergeordneten Mitarbeiter der deutschen Orchestervereinigung verstanden haben, sind erwacht und strahlen vor Wissbegier. Und nun wird alles, aber auch alles untersucht und erklärt. Agenturmeldungen teilen uns zum Beispiel eilfertig mit, es gebe keinen Grund, Sushi zu meiden. Es reicht, so möchte man ergänzen, durchaus, wenn der rohe Fisch gut durcherhitzt wird – damit ist der ängstliche Esser auf jeden Fall auf der sicheren Seite, selbst wenn es sich um norwegischen Lachs handelt. Denn der kann ja zumindest im Urlaub mal um Japan herumgeschwommen sein.

Ebenso heikel, aber noch ohne Agentur-Analyse ist die Sache mit den Pilzen. Der frankophile Champignon liegt gerade noch auf der sicheren Seite, zumal, wenn er schon seit einem Jahr in einer strahlenabweisenden Dose ruht. Aber was ist mit dem Shiitake-Pilz? Er gibt sich schon durch das fehlende c zwischen S und h sowie durch das im Deutschen völlig ungebräuchliche ii als streng japanisch zu erkennen – das ist sehr verdächtig, sehr verdächtig! Und bitte nicht auch noch mit Sojasauce.

Überhaupt ist die Idee, Deutschland sei unter katastrophischen Gesichtspunkten eine Art Insel der Seligen, längst ziemlich obsolet. Schon bei Fontane lesen wir, dass der Stechlin-See, eine knappe Autostunde nördlich von Berlin, unterirdisch mit der ganzen Welt verbunden ist. Bebt es in Neuseeland – und hat es das nicht eben erst? – dann schießt im Stechlin eine Fontäne empor. Sagen jedenfalls laut Fontane Leute, die mal wen gekannt haben, der sich das von seiner Großmutter erzählen ließ, die es wiederum … Direkt gesehen hat es niemand, aber das sagte man ja auch über Erdbeben der Stärke 9.

Wir sehen also, wie die Globalisierung der Gefahr die Mark Brandenburg erfasst und zu einem gefährlichen Pflaster gemacht hat, Jahrhunderte vor der Erfindung des Flugzeugs. Sashimi vom Stechlin-Karpfen? Lieber nicht. Denn möglicherweise steht alles, was in diesem See herumschwimmt, auch mit Japan in Verbindung. Bald steigt Rauch aus dem See, und die Freiwillige Feuerwehr muss mit ihrem besten C-Rohr anrücken, um zu verhindern, dass der ganze Stechlin durch den Erdmittelpunkt nach Japan wegzischt.

Alles so unsicher. Also sollten wir in die Sushi-Bar unbedingt den Geigerzähler mitnehmen. Und lieber was ohne Fisch bestellen.

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