Matthies meint : Tage der Mütter und Fischbrötchen

Unser Autor Bernd Matthies über Anglizismen in unserer Sprache und warum letztere so gemein sein kann.
Unser Autor Bernd Matthies über Anglizismen in unserer Sprache und warum letztere so gemein sein kann.Foto: TSP

Der zweite Sonntag im Mai ist Muttertag, liebe Mütter, da kann man nichts dran machen, das ist nun mal so. Da gibt es Nutella und Toast und Latte m. ans Bett, ab neun Uhr wird zurückgekrümelt, Widerstand ist zwecklos, so wollen es die ehernen Regeln der Gedenktags-Dramaturgie.

Im Grunde können die Mütter aber durchaus froh darüber sein, dass sie den Tag haben, denn es wird langsam eng auf dem Gedenktagskalender. Ja, es ließe sich sogar die fundierte Behauptung aufstellen, dass ein gesellschaftliches Anliegen ohne integrierten Weltgedenktag keine Chance mehr hat, überhaupt wahrgenommen zu werden.

Nehmen wir den heutigen Sonnabend. Er ist nicht unseren Müttern gewidmet, sondern den Krankenschwestern, der Pflege und dem Chronischen Erschöpfungssyndrom. Mag sein, dass sich das alles in gewisser Weise überschneidet, aber es gibt seit 2011 am 12. Mai auch noch einen anderen Gedenktag, der damit nichts zu tun hat: den Weltfischbrötchentag.

Das ist allerdings eine gewisse Übertreibung, denn die Welt im Sinne dieses Tages ist auf einen Küstenstreifen begrenzt und reicht von Flensburg bis nach Travemünde. Doch der Tag ist noch jung, wir sollten ihm ein paar Jahre Zeit lassen, bis ganz sicher auch Ecuador, die Mongolei und andere derartige Länder das Lob von Matjes und Bismarckhering singen. Generell gilt: Wer der Mutter am Sonntag noch ein Fischbrötchen unters Kopfkissen legt, der hat nichts falsch gemacht.

Ob es aber nützt? Der letzte, erste Maisonntag war sowohl Welt-Asthma- als auch Weltlachtag und ist in beiderlei Hinsicht spurlos an uns vorübergezogen. Generell sind im Jahreskalender Krankheiten überrepräsentiert, selbst Endometriose, Psoriasis und Rohkost haben ihren eigenen Tag, ohne dass ihr Einfluss auf die Menschheit schwände; allen nicht einzeln gefeierten Leiden bleibt immerhin der 26. Februar, der Tag der seltenen Erkrankungen im Allgemeinen.

Es soll jetzt aber nicht so aussehen, als sei Mutterschaft eine Art Krankheit. Denn es gibt so viele schöne Gedenktage! Der 19. September beispielsweise ist der Sprich-wie-ein-Pirat-Tag – gut, dass noch ein paar Monate Zeit zum Üben und Talk-Show-Gucken bleiben, damit das auch richtig funktioniert. Ausgangspunkt könnte der Begriff „Gesellschaftskünstler“ sein, den der Pirat Johannes Ponader erfunden hat. Bis dahin stärken wir uns mit ein paar dick belegten Fischbrötchen.

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