Matthies meint : Tagesschau, Wurst und Filterkaffee

Ein wichtiger Aspekt der Euro- Krise ist bislang zu wenig berücksichtigt worden. Wir Deutschen mögen zwar nicht gern kollektiv zum Soli für den notleidenden Süden herangezogen werden. Aber wir tragen unser Geld immer noch sehr gern persönlich hinunter, wenn es dafür ordentlichen Urlaub gibt, Sonne prall, laues Wasser und kalte Cocktails. Den Status des Urlaubsweltmeisters nimmt uns niemand weg, 40 Urlaubstage jährlich wollen verbraten werden, da grätscht keine gegnerische Mannschaft dazwischen, ausgeschlossen.

Aber diese Position der Stärke bedeutet natürlich auch: Die Ansprüche sind hoch. Das Buchungsportal HRS hat jetzt ganz uneigennützig fragen lassen, worauf der deutsche Urlauber im Hotel keinesfalls verzichten will. Und das Ergebnis ist insofern ernüchternd, als es mehrere ganz besonders fragwürdige Phänomene in den Vordergrund rückt: das deutsche Fernsehen, den Filterkaffee und die Wurst zum Frühstück.

Damit ist zunächst einmal das Bild des weltläufigen Deutschen beschädigt, jenes feinen Kulturmenschen, der mit speckig geblättertem Du-Mont-Kunstreiseführer durch die Stätten der Antike oder Renaissance wandelt und dann, geistig wohlig erschöpft, zum Espresso macchiato die mediterrane Leichtigkeit des Seins auf sich wirken lässt. Der sich, zungenflink Vokabeln rollend, in Rom wie die Römer benimmt und in Athen … Deutsches Fernsehen, gott ja. Cervelat, Teewurst und Formvorderschinken: geschenkt. Aber Filterkaffee? Geht’s noch? Dieses trübbraune, auf der Warmhalteplatte der asthmatisch gurgelnden Maschine einschrumpelnde Zeug, das aus Magen und Kreislauf zitternde Zombies macht? Es gab Warnsignale: Im vergangenen Jahr hat Jacobs für seine „Krönung“ eine gewisse Karin Sommer wiederbelebt, die die Latte-Fraktion nur noch aus den Erzählungen der Großeltern kennt; der Melitta-Mann ist wieder da, und sogar der Tchibo-Kaffeeexperte durfte für einen kurzen Auftritt aus dem Reich der Toten zurückkehren.

Wir lernen also: Der deutsche Urlauber würde im Grunde am liebsten zu Hause bleiben, wenn es dort genug Berge, Meer und südliche Herzenswärme gäbe. Da das aber nicht so ist, macht er sich mühsam auf den Weg, überquert Alpen und Apennin, nur um dort Wurst und braune Brühe einzunehmen und im TV Wiederholungen von Filmen zu sehen, die er schon kennt. Seltsam, der Deutsche. Aber ohne sein arttypisches Verhalten wäre der Euro sicher schon längst hinüber.

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