Matthies meint : Teilchensturm fuer Ihr Liebherz

Christliche Märtyrer sind in den letzten Jahrhunderten aus der Mode gekommen, das ist an sich ein gutes Zeichen. Einer taucht aber immer wieder aus der Versenkung auf, nämlich der italienische Bischof Valentin von Terni, der am 14. Februar 269 wegen seines Glaubens geköpft wurde. Glücklicherweise hat sich aber nicht diese Unsitte in die Jetztzeit übertragen, sondern die viel angenehmere Angewohnheit des Bischofs, frisch verheirateten Paaren Blumen zu schenken.

Daraus ist uns bekanntlich der Valentinstag erwachsen, einer jener Termine, die von schlauen Händlern dazu genutzt werden, Psychodruck auszuüben. Fühlen wir Männer uns nicht alle wie Schufte, wenn wir diesem Druck zu widerstehen versuchen? Aber es kommt alles noch schlimmer: Denn der Valentinstag gilt neuerdings als Spam-Hochsaison. Wie uns ein Internet-Sicherheitsunternehmen soeben mitteilt, steigt die Menge des Mail-Mülls immer vor dem 14. Februar „explosionsartig“ an.

Wer blöd ist, schickt dem Absender seine Kreditkartendaten, wer schlau ist, löscht die Mail sofort. Hilfreich sind dabei kleine Fehler, denn die Absender kennen keine Umlaute und übersetzen schlecht, und so heißt es dann zum Beispiel „Beste Geschenke zum romantischen Fest fuer Ihr Liebherz“. Trotzdem finden sich wohl noch genügend Naive, die dem Liebherz mit einer Rolex für 129 Euro imponieren wollen – und das romantische Fest endet mit einem massiven Schlag in den Dispo.

Was hilft? Nur die Totalabstinenz. Der französische IT-Dienstleister Atos will seinen Mitarbeitern innerhalb der nächsten drei Jahre die E-Mail abgewöhnen. Jeder Atos-Mitarbeiter erhält täglich 200, das sind im ganzen Unternehmen 15 Millionen pro Tag – es gibt Hinweise, dass technisch fortgeschrittene Galaxien draußen im All nicht mehr aus Protonen und Elektronen und solchem Zeug bestehen, sondern aus elektrisch geladenen E-Mails, die sich gegenseitig abstoßen. Es ist kein Wunder, dass manche die betreffende Galaxie verlassen und dann als Spam in unserem Postfach landen. Es wird immer mehr, ein Teilchensturm von Alpha Centauri, mies übersetzt, goldene Uhren, Viagra, Penisvergrößerungen, das ist im Grunde alles nicht so gemeint.

Aber es ist lästig. Wir sollten den 14. Februar zum Welttag der E-Mailabstinenz küren, nichts schreiben, nichts empfangen. Einfach mal Ruhe zum Arbeiten! Stunden sinnloser Geschäftigkeit sparen! Dann bliebe sogar noch Zeit zum Blumenkaufen fürs Liebherz.

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