Matthies meint : Verlierer – und wie sie gemacht werden

Es gibt im journalistischen Geschäft immer diese drückende Montags-Spannung. Welches Schweinderl wird wohl in dieser Woche durchs Dorf getrieben und zur monumentalen Hüpfburg aufgeblasen? Und werden wir es rechtzeitig merken? Vergangene Woche war es das entgleiste Interview mit Katja Riemann, das unser aller Aufmerksamkeit fast entgangen wäre, weil es in einer unbekannten Nische der TV-Landschaft weggesendet worden war.

Diesmal ist alles anders, denn Sebastian Vettel, unser großes Formel-1-Idol, hat in Malaysia vor aller Augen ein Rennen gewonnen. Und das war angeblich falsch und unsportlich, weil es eine sogenannte Teamorder gegeben hatte: Der Rennstall-Kollege Webber hätte gewinnen sollen.

Ich habe große Mühe darauf verwendet, mich in die unbekannte Materie einzulesen, ohne zu begreifen. Ja, fahren diese Buben nicht genau deshalb mit so viel Karätsch und Schradäng um die Kurven, verbrennen sie nicht genau deshalb das Benzin hektoliterweise, stoßen sie nicht Klimagase aus wie eine Großvieheinheit, nur um das Rennen zu gewinnen? Vor allen anderen? Als jener Einzige, der oben in der Mitte steht, wenn die finale Champagnerdusche geöffnet wird?

Ach, das ist wohl eine altertümliche, laienhafte Auffassung. Autorennen sind heute keine eindimensionalen Im-KreisFahrten mehr, an deren Ende der Schnellste siegt, sofern er nicht von der Fliehkraft in den Wald befördert worden ist. Nein: Es handelt sich um ausgefeilte Choreografien, in denen auf alles Mögliche Rücksicht zu nehmen ist. Auf den Neuen, der für teures Geld eingekauft wurde und nun nicht gleich wieder schlechte Laune beim Überholtwerden bekommen soll. Auf den, der in diesem Jahr Weltmeister werden soll, weil er das höhere Marketing-Potenzial ...

Wird sich dieses Phänomen ausbreiten? Wird, sagen wir, Mesut Özil demnächst Order bekommen, den Freistoß ins Aus zu semmeln, auf dass der Stern des Kollegen Khedira heller strahle? Wird Arthur Abraham krass auf die Glocke bekommen, weil ... Ach, das hat er ja gerade.

Sehen Sie: Teamorder. Ein rätselvolles Konzept, das die Realität unserer Zukunft bestimmen wird. Immer, wenn wir unbedingt gewinnen wollen, flüstert uns einer ins Ohr: Fahr mal 80! Jedenfalls bis zum nächsten Montagsskandal. Es wäre mal wieder Zeit für irgendwas mit Steinbrück. Und warum er sich nicht an Teamorders hält.

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