Matthies meint : Voll gegen den Pfosten

Unser Autor Bernd Matthies über Anglizismen in unserer Sprache und warum letztere so gemein sein kann.
Unser Autor Bernd Matthies über Anglizismen in unserer Sprache und warum letztere so gemein sein kann.Foto: TSP

Die deutsche Sprache – unendliche Weiten. Wir schreiben das Jahr 2013, und dies sind die Abenteuer der Duden-Redaktion, die mit ihrer kleinen Besatzung neue Worte erforschen soll, neue Formulierungen und neuen Sprachmüll. So weit ist alles klar. Aber was soll diese Redaktion dann mit dem Gefundenen anstellen?

Die Experten am Boden teilen sich in zwei feindliche Lager. Die einen bestehen darauf, dass diese Arbeit eine Art Kartografie der Sprache im Wandel sei und damit zwangsläufig einem gewissen Rein und Raus der Moden verpflichtet. Die anderen sehen den Duden als Sprachgericht, als erste und letzte Instanz, wenn es darum geht, was edel und gut sei beziehungsweise pfui und bäh.

Nun ist die überarbeitete Ausgabe da, und hallo! Auch der Duden ist nun ein Berliner, der Zeitgeist weht und wabert, und die Fürsprecher der Sprachgerichts-Seite werden sich vermutlich in Krämpfen winden. Der „Vollpfosten“ ist zu Ehren gekommen, ein Homunkulus aus der Dieter-Bohlen-Schule für brachiale Ansagen – verbreitet gewiss, aber es kann natürlich sein, dass er beim nächsten Mal das Schicksal anderer Begriffe teilt, die einst voller Hoffnungen aufgenommen wurden und nun, vergessen, rausfliegen: Buschklepper? Füsillade? Stickhusten?

Als Synonym für den Vollpfosten, der ja früher lange Jahre einfach ein Volltrottel war, offeriert uns der neue Duden den „Spacko“. Gar kein Synonym gibt es für den neu aufgenommenen „Shitstorm“, die Welle verbalen Unrats im Internet. Aber dieser höchst einprägsame Begriff hat gleich zwei Makel, die unsere Duden-Kritiker auf die Barrikaden treiben werden: Es handelt sich erstens um einen Anglizismus und zweitens um ein Vulgärwort, und deshalb müsste doch eine Warnflagge neben ihm gehisst werden, warnender als das übliche „ugs.“ für „umgangssprachlich“. Wenn überhaupt!

Aber es ist nun einmal so, dass diese Worte gekommen sind, um zu bleiben; im Grunde sollten wir froh sein, dass der Shitstorm nicht auch noch eingedeutscht wird. „Schmähkritikwelle“ vielleicht? „Rudelschimpfen“? Na, und ganz wörtlich übersetzt – wie doof klingt das denn? Das Englische dient uns offenbar manchmal als Ausweg, um Dinge gedämpft zu sagen, die auf Deutsch einfach zu brachial klingen.

Aber nichts gegen den Vollpfosten. Ein schönes Wort: Da steht einer fremdbestimmt in der Gegend herum, kann nicht vor und nicht zurück, weil er unten im Sand steckt; von ihm ist nichts zu erwarten, jedenfalls nichts Gutes. Richtig schimpfen – das geht auf Deutsch immer noch am besten.

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