Matthies meint : Vom Baum zum Pfosten

Das Dilemma ließe sich so veranschaulichen: Der deutsche Gesetzgeber möchte einen Baum pflanzen. Dazu formuliert jemand ein Gesetz, in dem exakt dies steht. Dann machen sich Lobbyisten, Nichtregierungsorganisationen, Bundesrat und Vermittlungsausschuss an die Feinarbeit, bis drei Jahre später Vollzug gemeldet werden kann: Auf einem Betonsockel wird feierlich ein Holzpfosten verankert, auf dem „Baum“ steht.

Auf dem gerade installierten neuen deutschen Holzpfosten steht „Kfz-Steuer“. Oh, es ist ein schöner Pfosten, er ruht auf einem soliden Sockelbetrag, doch den Rest versteht niemand mehr, es ist, als hätten Tausende von Experten nach monatelanger Arbeit das Gegenteil von dem erzeugt, was sie wollten.

Ich stelle mir das ungefähr so vor, dass die Umweltschutzfraktion sich ein bestimmtes Auto vornimmt, das besonders viel Sprit wegbrät, sagen wir, einen Audi Q7 V12 TDI. Den besteuern wir dermaßen, dass auch dem letzten Käufer die Luft ausgeht, sagen sie. Und ernten den Aufschrei der Wirtschaftsleute. Wisst ihr denn nicht, sagen die, dass es sich bei diesem Auto um einen hochwertigen Technologieträger handelt, der weltweit deutsche Ingenieurkunst symbolisiert, und dessen zwölf Zylinder pro Stück tausend Arbeitsplätze …? Argumente aus eitel Walzstahl.

Wie es jetzt aussieht, bleibt die Steuer für dieses Auto also exakt gleich, und für alle anderen Autos mehr oder weniger auch, denn der Staat kann natürlich bei allem Reformfuror nicht aufs Geld selbst verzichten, dafür müssen wir bitte Verständnis haben.

Trotzdem muss auch ein solches Auto verkauft werden. Ich mache das jetzt nach dem Airbus-Prinzip, ich bestelle mir so ein Ding. Und da ich hinterher überraschend feststelle, dass ich es weder brauche, noch auch nur ansatzweise finanzieren kann, rufe ich den Staat zu Hilfe, denn dem muss ja daran gelegen sein, dass die Arbeitsplätze sicher sind. Der Kompromiss könnte so aussehen: Jeder fahrkundige Deutsche kriegt vom Staat einen Q7 V12 TDI geschenkt, muss aber acht der zwölf Zylinder stilllegen und einmal monatlich einen Audi-Werker zum Essen einladen. Und er muss als Ausgleich einen Baum pflanzen. Oder einen Holzpfosten? Das klärt der Gesetzgeber später.

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