Matthies meint : Vom Nutzen des Zupfkuchens

Generell gilt die Lebensregel „Der Ball ist rund“ auf allen Kontinenten und zu allen Zeiten. Ausnahme: ein Opernball. Der ist erst rund, wenn Debütantinnen in Taft und Tüll ordentlich herumgeschwenkt werden und die Presse über sensationelle, nie vorher dagewesene Gäste zu berichten weiß. „Mörtel“ Lugner, der Wiener Betonprinz, machte den Opernball seiner Heimatstadt zum interkontinentalen Ereignis, ja: zum Event, indem er immer wieder gut abgehangene Hollywood- Stars oder frisch genähte Busenwunder in seine Loge schaffen ließ – das ist ein aussichtsreicher Weg.

Allerdings hat der Wiener Opernball Tradition, was sich über den Dresdener Semper-Opernball nach vier Jahren nur eingeschränkt sagen lässt. Um ihn auf die Weltrangliste zu bringen, müssen stärkere Mittel her als Franz Beckenbauer und Henry Maske, die sich dort schon auf die Füße getreten haben, und es gibt sicher kaum ein stärkeres, als Wladimir Putin einzuladen. Zur Absicherung dieses Staatsbesuchs erhält er außerdem den sächsischen Dankesorden in Gold, als Ehrung für den „sächsisch-russischen Kulturaustausch“.

Es gibt viele gute Gründe für die Ordensverleihung. Zum Beispiel wäre Putin vermutlich sonst gar nicht gekommen; Brangelina Pitt geht ja auch nicht zu Gottschalk, wenn er nicht ein Stück aus ihrem neuen Film zeigt. Dann ist unstrittig, dass der russische Zupfkuchen aus Dresdener Supermärkten ebenso wenig wegzudenken ist wie der Christstollen aus jenen in Moskau – Kulturaustausch par excellence. Putin hat sich mit seinem entschlossenen Griff zum Gashahn ferner um den Klimaschutz und die Förderung alternativer Energien in Sachsen verdient gemacht, und in seiner Zeit als Dresdener KGB-Resident setzte er sich vorbildlich für die Nachwuchsförderung und den Ausbau internationaler Kontakte ein, auch wenn diese Kontakte etwas einseitig in russische Richtung verliefen.

Ja, nun werden trotzdem Proteste laut. Darf ein Ministerpräsident mit ausgeprägter DDR-Vergangenheit einem EX-KGB-Offizier 20 Jahre nach dem Mauerfall einen Dankesorden überreichen? Dieses Denken wirkt kleinlich, wenn es um den Opernball und seine Vollendung geht, da muss Ministerpräsident Tillich durch. Wir können ihm nur raten, aus diesem Anlass außerdem die ewig umkämpfte Waldschlösschenbrücke in „Wladimir-Putin-Viadukt“ umzubenennen. Dann traut sich garantiert niemand mehr, an deren Bau noch länger herumzumäkeln.

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