Matthies meint : Vom richtigen Schenken in harter Zeit

Es wird jetzt höchste Zeit. Nur noch sechs Wochen bis Weihnachten, bis zu jenem Fest also, an dem der Deutsche seine Pflicht als Größter Konsument aller Zeiten zu erfüllen hat. Wer jetzt kein Geld ausgibt, der hat keins. Der Schlüssel zum wirtschaftlichen Aufschwung ist das Geschenk, es gibt nichts Besseres. Doch leider erfahren wir aus einer aktuellen Umfrage, dass die deutschen Schenker aktiv die Preise vergleichen wollen – es waltet also auch dort, wo Herzensgüte freigebig dominieren sollte, der leidige Schnäppchengeiz. Man lege zunehmend Wert auf Nachhaltigkeit, heißt es, allerdings wird nirgendwo erklärt, was das bedeutet. Playstations nur noch aus nachwachsenden Rohstoffen? Kerzen nur noch mit Klimazertifikat?

Ach, und was sind schon Kerzen und Playstations? Die Befragten haben auch keineswegs vor, ihren Lieben Handgesägtes, Mundgemaltes oder andere Spezialitäten aus dem Handbuch des liebevollen Aussuchens zu schenken. Sondern: Bücher, Gutscheine, Bargeld. Gaben aus einem Marktsegment also, das sich überhaupt nicht für Schnäppchenjäger eignet. Bücher sind preisgebunden, und Bargeld und Gutscheine werden garantiert nie mit Rabatt ausgegeben – es ist völlig ausgeschlossen, dass irgendeine Bank demnächst 100 Euro zum Preis von 95 verschleudert oder die Leute vom Ich-bin-doch-nicht-blöd- Kaufhaus drei Gutscheine zum Preis von zweien ausreichen.

Weihnachten, auch das geht aus der Umfrage hervor, kostet den durchschnittlichen Deutschen 485 Euro: 300 gehen für Geschenke drauf, der Rest für Gänsebraten, Lametta und Nordmanntanne. Beim Einzelhandel finden sie das nicht ausreichend, wollen an den Adventssonntagen noch längere Öffnungszeiten durchsetzen, vermutlich in der Hoffnung, dass die Kunden zu Hause gelangweilt auf den Pfeffernüssen herumkauen und dann sagen, ach, lass uns rasch noch ein Bulgari-Collier kaufen, die haben grad offen!

Solche Spontankäufe sind das Lebenselixier der Wirtschaft, und sie helfen dabei, den Staatshaushalt aufzufüllen, da sollten wir uns nicht lange bitten lassen. Denn sonst setzen sich die Betonköpfe aus der Statistik durch: Sie verschenken einen Gutschein für 300 Euro Bargeld, der auf der Bank eingelöst wird und dort gleich wieder aufs Sparbuch geht. Davon hat dann keiner was, der Weihnachtsmann dreht mit den Rentieren beleidigt ab, der Chor der Engel verhaut seinen Choral. Nein, so wollen wir uns Weihnachten wirklich nicht wünschen.

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