Matthies meint : Von der Fensterscheibe gleich ins Hirn

Nehmen wir mal die Werbung. Wichtig! Zeitungen leben davon, Internetportale sollen bald davon leben. Aber das können sie natürlich nur, wenn die Leute nicht immer gleich sagen, bäh, Werbung, igitt. Und sich die Kontamination von Briefkasten und Internetbrowser schon von vornherein per Aufkleber oder Plug-in verbeten. Was wiederum Tricksereien erzeugt mit dem Zwecke, doch in Ohr und Auge der Zielgruppe...

Falls hier grad ein Werbeprofi mitliest: Wie soll eigentlich Reklame wirken, die dem potenziellen Kunden zwangsweise eingetrichtert wird? Nur ein Beispiel: Kann man sich vorstellen, dass ein TV-Zuschauer, dem das Vorspulen über die Werbeblöcke per Festplattenrekorder von seinem Anbieter verwehrt wird, anders als mit heiligem Zorn reagiert? Und was haben dann die Werbetreibenden anderes davon als das heilige Versprechen, nie und nimmer Produkte zu kaufen, die sich bei Voxsatpro7rtl-HD nicht wegzappen lassen?

Wie war ich jetzt gleich darauf gekommen? Ach, eine neue Technik, die möglicherweise bald in der Bahn eingeführt wird. Kein Scherz: Es ist mit einem Dreh aus der Hörgeräteentwicklung möglich, Fensterscheiben der Züge so anzuregen, dass sie Töne in die Köpfe all jener Fahrgäste schicken, die sich an sie anlehnen, direkt ins Gehirn. Und wer die Bahn kennt, der ahnt, dass dieses Prinzip nicht nur fürs Verbreiten von Fahrplanhinweisen und Menüs im Bordbistro genutzt werden könnte, sondern beispielsweise auch für Reklame.

Bitte, das ist fürsorglich gedacht, man hält das Prinzip der Freiwilligkeit hoch, niemand wird gegen seinen Willen berieselt. Aber kaum sinkt der Kopf ermüdet an die Scheibe, geht das Programm los, brrrrzbrumm, ich bin doch nicht blöd, der Doppelwhopper jetzt auch mit Basilikum, 5000 Euro über DAT für Ihren Gebrauchten, wenn Sie... Holderehidi, uffza.

Noch hat die Bahn nicht gesagt, dass sie so was haben will. Aber hat die Werbewirtschaft irgendwann schon mal eine mögliche Technik nicht letzten Endes auch eingeführt? Und was, wenn wenn man uns billigere Tickets verkauft gegen das Versprechen, den Kopf zumindest die halbe Strecke lang an die Scheibe zu pressen?

Wir als Zeitung haben da gut lachen, die Funktionsweise gedruckter Anzeigen ist bekannt und durchschaubar. Brummt und summt es also, wenn Sie den Kopf an diese Seite legen, ist das keine Reklame. Sondern der althergebrachte Kater von gestern Abend.

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