Matthies meint : Wählt Trotzkistische Christen!

Unser Autor Bernd Matthies über Anglizismen in unserer Sprache und warum letztere so gemein sein kann.
Unser Autor Bernd Matthies über Anglizismen in unserer Sprache und warum letztere so gemein sein kann.Foto: TSP

Zu den seltsamsten Ritualen der Demokratie gehört zweifellos der Wahlkampf: Seit dem vergangenen Wochenende hängen die ersten Plakate draußen. Wahlkampf geht allen auf die Nerven, den Wählern wie den Politikern. Er verbrennt einen irren Haufen Geld, produziert haarsträubenden Unfug in Serie, ist gewissermaßen eine Art permanenter politischer Aschermittwoch, nur mit weniger Bier.

Es wird versprochen und gelogen und geflunkert und geschimpft weit unter jedem diskutablen Niveau, und zu den lustigsten Wahnideen gehört sicher jene, dass es Wähler gebe, die sich nun eilfertig die Programme der Parteien aus dem Netz herunterladen, um dann im Selbststudium die Spiegelstriche zu vergleichen, eine Entscheidung zu treffen und dieser schon im Morgengrauen vor dem Wahllokal entgegenzubarmen.

Macht das jemand? Ich nicht. Ich hätte nichts dagegen, würde der Bundestagspräsident die Wahlkampfkostenerstattung anteilig an die Deutsche Düsenhilfe und das Internationale Hermeneutische Hilfswerk überweisen, weil dann Ruhe wäre. Das geht aber nicht, denn für den Wahlkampf in der aktuellen Form spricht ein entscheidendes Argument: Die Leute merken an den Plakaten überhaupt erst, dass Wahl ist. Das bringt so etwa drei Prozent Beteiligung.

Die SPD immerhin hat aus dem absehbaren Wähler-Überdruss Konsequenzen gezogen, indem sie ihn, perfide, nutzt: Sie plakatiert Angela Merkel. Allein mit Handtasche. Mit Pofalla und de Maizière. Mit einem hälftig abgeschnittenen Rösler. Die Absicht ist vorgeblich kritisch, man tut so, als solle der Wähler sensibilisiert werden für die Verfehlungen der Bundesregierung. Dahinter aber steckt die teuflische Absicht, den Wähler vollzumerkeln bis obenhin. Bäh, soll er sagen, ich habe die Alte so satt, ich kann sie nicht mehr sehen, und wählen schon gar nicht!

Die anderen Parteien können vermutlich gar nicht anders, als sich dieser Kampagne anzuschließen. Wählt Merkel! werden sie unisono von links bis rechts rufen, die Superkanzlerin muss am Ruder bleiben! „Merkel forever!“ werden sie tönen und „Angela packt’s!“ Aus allen Rohren – bis zum Wahltag. An dem die total entnervten Wähler dann ihre Stimme kübelweise den Trotzkistischen Christen oder der Currywurstpartei geben, nur um Angela Merkel wirklich nie wieder sehen zu müssen.

Ich meine: Das könnte klappen. Aber plötzlich ist Peer Steinbrück Kanzler – und dann fragen wieder alle: Warum hat die SPD uns das nicht vorhergesagt?

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