Matthies meint : Was die Jugend eben so redet

Sagen wir so: Hier in der Redaktion klappt die Kommunikation zwischen älteren und jüngeren Kollegen ganz gut. Wir sprechen eine gemeinsame Sprache, und wenn hier jemand Sätze sagen würde wie „Der Babo hat heute voll den Bitchfight“, dann wäre entweder das Praktikum zu Ende, oder: Altersteilzeit. Oder beides.

Dennoch gibt es natürlich gewisse Indizien für die Existenz einer deutschen Jugendsprache, es gibt Begriffe, die die Älteren nicht verstehen, es gibt eigenartige Satzbildungen und noch eigenartigere Wortkombinationen – und einen Verlag, der daraus alljährlich ein Wörterbuch zimmert und ergänzend ein „Jugendwort des Jahres“ wählen lässt, wie man das eben so macht heute. Meist ist dieser Begriff frei an den Haaren herbeigezogen und zeigt im Grunde nur, wie sich ergraute Germanisten ein Jugendwort vorstellen: Niveaulimbo?

Bei „Babo“ liegen die Dinge anders. Das Jugendwort des Jahres 2013 kommt aus dem Türkischen und steht für den großen Boss, den Chef. Es ist bis zu dieser Wahl, traut man Google, eigentlich nie benutzt worden, mit einer ziemlich großen Ausnahme: Dem Hit des türkisch-deutschen Gangsta-Rappers „Haftbefehl“ mit dem Titel „Chabos wissen, wer der Babo ist“. Die wie üblich ziemlich beknackte Nummer hat bei Youtube siebenstellige Klickzahlen, es gibt auch ein paar Parodien. „Chabos“ übrigens sind einfach so die Jungs, das kommt nach Aussage des Erfinders aus dem „Zigeunischen“.

Jugendsprache? Anbiederung ans internette Klickvieh? Oder womöglich, wie unsere Kulturpessimisten wohl argwöhnen werden, die leichtfertige Nobilitierung des prollig multilingualen Kickbox-Fick-dich-Slangs? Es kann sich wohl jeder seins raussuchen oder andere nominierte Jugendworte besser finden, „fame“ beispielsweise für den kurzlebigen Szene-Ruhm, oder „gediegen“, was – eine ziemlich irre Volte – angeblich Jugendsprache für „super, cool, lässig“ ist. Über „Hakuna matata“ wollen wir mal gar nichts mehr sagen, der Film „König der Löwen“ ist von 1994.

Man mag der Jury zugute halten, dass sie auf das Eindringen türkischer Worte in die deutsche Alltagssprache aufmerksam machen will. Okay! Aber was, wenn die Jugend nun partout nicht mitzieht und den Babo links liegen lässt, dort, wo schon „Yolo“ und „Swag“ zur letzten Ruhe gebettet wurden? Dann springen wir Journalisten ein. Nur noch ein paar Tage, dann werden sich die Chabos der Koalition ihrer Baba Merkel unterwerfen. Ätsch, Jugend! Enteignet.

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