Matthies meint : Was sich berät, das schlägt sich

Unser Autor Bernd Matthies über Anglizismen in unserer Sprache und warum letztere so gemein sein kann.
Unser Autor Bernd Matthies über Anglizismen in unserer Sprache und warum letztere so gemein sein kann.Foto: TSP

Die Frage wird ja immer wieder gestellt, und das keineswegs nur aus Kindermund: Müssen denn unsere Politiker immer so böse zueinander sein? Sie könnten doch auch mal nett miteinander reden, sich an die Hände fassen und ...

Das geht aber nicht, und der Grund dafür liegt in der Tatsache, dass Politiker sich gegenseitig zu viele Ratschläge erteilen. Denn, so erläutert die große saarländische Ministerpräsidentin Annegret Kramp-Karrenbauer auf die Frage, ob sie den anderen Spitzenkandidaten der CDU nun Ratschläge geben wolle: „Es ist so, dass Ratschläge auch Schläge sind. Die sollte man, wenn überhaupt, nur im Vier-Augen-Gespräch erteilen.“

Öh ... Ah ja. Auch Schläge. Was ist hier passiert? Der Jargon der Selbsthilfegruppen, die Du–ich-nehme-dich-jetztals-sehr-aggressiv-wahr-Haltung hat sich den Weg in die große Politik und dort sogar in die CDU gebahnt. Wir sehen uns ein Wort an, es sieht zurück, und schon schaudert es uns angesichts dessen, was wir da erblicken, mag die Herkunft auch eine ganz andere sein – in diesem Fall der Kreis, den unsere Vorfahren geschlagen haben, um sich drinnen zu beraten. Egal, heute ist heute.

„Ich würde das gern mal im Duden nachschlagen“ – ein aggressiver Akt! Und mit Frau Kramp-Karrenbauer ahnen wir nun, dass auch Vorschläge Schläge sind und deshalb, wenn überhaupt, nur im Vier-Augen–Gespräch ausgeteilt werden sollten. Damit bricht ganz nebenbei die Theorie der Teamarbeit seit Karl dem Großen zusammen. Und weshalb vier Augen? Dies ist ein interessanter Ansatz, der vermutlich auf Familienaufstellung und/oder Friedensforschung zurückgeht: Man gibt einem anderen einen Rat-Schlag, aber nur hinter verschlossenen Türen, damit er sich dabei nicht so schlecht und vor anderen nicht bloßgestellt fühlt. Lieb gemeint eigentlich.

Aber das Problem reicht tiefer. Wenn wir jetzt, sensibilisiert, einem Parteifreund nur unseren Rat anbieten – ist das dann besser? Oder weist er dieses Ansinnen kramp-karrenbauersch zurück, danke nein, du weißt doch, dass auch im Rat der Schlag steckt, man sieht es nur nicht mehr so? Der Rat, so sieht es aus, ist der Singular von Ratschläge, die Schläge camouflieren sich im harmlosen Wort, bis eine kommt und sie vor die Öffentlichkeit zerrt.

Übrigens ist es ja so, dass in der Bundesrepublik auch das Saarland steckt. Man sieht es nicht so. Und im Grunde ... Mehr darüber unter vier Augen.

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