Matthies meint : Was wir von Billy lernen können

Höchste Zeit, über Möbel zu reden. Möbel sind alles andere als Zierat, sie kennzeichnen ihren Besitzer und symbolisieren den Lauf der Welt. Das Verschwinden des Schranks und der gediegenen, massiven Schrankwand ist zwar in den letzten Jahrzehnten von vielen Kulturhistorikern beobachtet und unterschiedlich interpretiert worden – doch keiner kam auf die Idee, dass es sich dabei um ein Zeichen kommenden Unheils handeln könnte.

Heute wissen wir: Eine Gesellschaft, die sich die tragende Basis ihres Lebens aus losen Einzelteilen selbst zusammenschraubt und akzeptiert, dass diese Basis Namen wie „Bil ly“, „Bjur sta“ oder „Hemnes“ trägt – die se Gesellschaft darf sich nicht wundern, wenn unter ihr nicht nur Betten, sondern auch Hedgefonds und Rund um -sorglos-Kredite zusammenbrechen wie Apfelsinenkisten.

Kein Wunder, dass gerade jetzt die Besinnung auf bleibende Möbelwerte einsetzt. Wie wir einer aktuellen dpa- Analyse entnehmen, wird gegenwärtig kurzatmiger Stil durch bleibenden Wert verdrängt, gediegen, anheimelnd, prall von Samt, Leder und Holz. Wer ausgefranste Nähte durch Raffungen und Rüschen ersetzt, liegt richtig; sichtbare Ziernähte sind ein Must, wie Stilreporter sagen würden.

Ja, klar. Und was ist, wenn für Rüschen und Raffungen das Geld fehlt, weil der Hedgefonds es mitgerissen hat? Dann ist eben doch wieder Ikea fällig. Doch auch im Umgang mit diesen Möbeln können wir Fehler machen, beispielsweise, indem wir ihren Zusammenbau den Männern überlassen. „Die Frau legt sich erst mal ordentlich sortiert die Schrauben hin“, sagt Ikea- Deutschland-Chefin Petra Hesser, „Männer schmeißen die alle auf einen Haufen, und hinterher fehlt was.“

Die Parallele ist überdeutlich, aber nachher heißt es wieder, das hätte er uns ja auch gleich sagen können. Also: Hat in der globalen Finanzkrise irgendeine Frau maßgebliche Fehler gemacht? Kaupthing versenkt? Lehman Brothers unterminiert? Fannie Mae verschleudert? Während die Frauen sich noch sorgfältig die Zahlen hinlegen, schmeißen die Männer sie alle auf einen Haufen, und hinterher fehlen Milliarden. Billionen!

Von Billy lernen, heißt also überleben lernen. Bezüglich unserer Bundeskanzlerin heißt das: Sie zögert nicht, sondern sortiert noch. Aber wenn die Schrauben gezählt sind, geht die Arbeit los. Dann sind am Ende beim Etat sogar noch ein paar Rüschen drin.

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