Matthies meint : Weiß jemand, wie spät es wirklich ist?

Unser Autor Bernd Matthies über Anglizismen in unserer Sprache und warum letztere so gemein sein kann.
Unser Autor Bernd Matthies über Anglizismen in unserer Sprache und warum letztere so gemein sein kann.Foto: TSP

Ach, wieder diese Nacht. Wie war das jetzt gleich? Wir stellen die Uhr zurück, damit wir am nächsten Morgen die gewonnene Stunde fürs Ausschlafen ... Nein, das war im Herbst, oder? Also: Wir stellen die Uhr vor, damit eine Stunde verloren geht, die uns die ganze kommende Woche im Kopf rumsaust, weil da Frühjahrsmüdigkeit und geklaute Zeit eine brisante Mischung bilden. Auch falsch! Wir lassen die Finger komplett von der Uhr, weil es sich um eine Funk-Uhr handelt, die schon selbst weiß, was am besten für uns ist und nachts um zwei hysterisch zu schnarren anfängt. Ruhe da!

Dann, Sonntagmorgen. „Weiß jemand, wie spät es wirklich ist?“ Uhren gibt es in Backöfen und Computern, Fernsehern und Radios, im Auto ist eine, in der Digitalkamera und der Spielkonsole, und vermutlich gibt es sie auch in Blutdruckmessgeräten und Küchenmaschinen, jede zeigt ihre eigene Zeit. Falls auch eine im Eierkocher steckt: Bitte ans Umstellen denken, sonst sind die Eier beim Aufstehen kalt. Oder noch gar nicht gekocht?

Sehen Sie: Man kriegt das einfach nicht raus, je länger man denkt, desto verstockter glotzt die Uhr zurück. Ist es jetzt so kalt im Haus, weil die Heizungsuhr noch auf Winterzeit läuft und hinterherhinkt, oder war es grad umgekehrt, müsste also viel wärmer sein? In Venezuela hat der Präsident die Zeit 2007 eine halbe Stunde zurückgedreht, das muss die Hölle gewesen sein, ein Glück, dass Joachim Gauck in dieser Richtung keine Ambitionen hat. Aber wer weiß, diese Freiheit ...

Also machen wir heute Nacht irgendwas mit den Uhren oder lassen es halt. Das größte Problem allerdings ist unsere innere Uhr, die weder ferngesteuert wird noch sich überhaupt verstellen lässt. Und die Natur selbst stellt bei diesem Thema komplett auf Durchzug, auch das will berücksichtigt sein.

Deshalb hier eine Warnung des Berufsverbands der Deutschen Dermatologen: Dessen Sprecher weist via dpa darauf hin, dass die Sonne ihren Höchststand ab sofort nicht um 12, sondern erst um 13 Uhr erreicht. Wer also zu früh einen zu niedrigen Sonnenschutzfaktor einsetzt und den Keller vor der Zeit wieder verlässt, muss wissen: das gibt Premium-Hautkrebs, zack, bumm, tot, und alles nur wegen des nicht EU-konformen Verhaltens der Sonne.

So viel zu diesem Thema. Es ist vermutlich am sichersten, das Bett erst wieder im Oktober zu verlassen, wenn die Uhren zurückgedreht werden. Oder nach vorn?

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