Matthies meint : Weit unter Wert verkauft

Am Ende geht es ja doch immer ums Geld. Ein Doktortitel beispielsweise, verdient oder nicht, bringt beim Berufseinstieg angeblich 500 Euro brutto. Weiter oben geht es praktisch gar nicht mehr ohne. Dr. Angela Merkel (ca. 280 000 Euro pro Jahr) wurde gerade von ihrem Mitarbeiter Dr. Jens Weidmann überflügelt, der künftig als Chef der Bundesbank etwa 380 000 Euro verdient.

Aus Bänkersicht sind das freilich Peanuts. Dafür promovieren? Die einträglichere Alternative liegt darin, gleich Star zu werden. Dann liegen auf dem Berufsweg rasch jene 450 000 Euro pro Jahr bereit, die Monica Lierhaus künftig für ihre wöchentlichen Kurzauftritte im Dienste der gemeinnützigen ARD-Fernsehlotterie einzieht.

Das ist auf den ersten Blick ein ganzer Haufen Geld, erschließt aber eine wichtige sozialpolitische Perspektive, denn es beweist, dass die umstrittenen 400Euro-Jobs durchaus Zukunft haben, nur eben nicht pro Monat gerechnet, sondern pro Minute. Wenden wir diesen Denkansatz auf die Hartz-IV-Grundversorgung an, ist das Thema sofort endgültig vom Tisch, und es kann sich niemand mehr drüber aufregen, Jakob Augstein vielleicht mal ausgenommen.

Nun ist es allerdings so, dass die Kombination von „gemeinnützig“ und sechsstelligem Gehalt vollautomatisch das Wort „Treberhilfe“ aufruft. Harald Ehlert, der legendäre Boss, ist sicher nicht so ansehnlich wie Monica Lierhaus, und er brachte viele mit seinem maseratihaften Auftreten gegen sich auf. Doch niemand konnte ihm nachsagen, dass er keinen guten Job gemacht habe für die 300 000 Euro, die er sich jährlich zubilligte.

Ehlert hat sicher mehr als 40 Stunden in der Woche geackert, die Treberhilfe stand glänzend da, eroberte neue Geschäftsfelder und ging mit den öffentlichen Mitteln sicher effektiver um als manch strickstrümpfiger Selbsthilfeverein. Und seine eventuell zu entgeltende berufliche Verantwortung war absolut größer als jene einer TV-Moderatorin, deren größtes Risiko darin liegt, mal versehentlich vor der Kamera „Schalke nullfünf“ zu sagen.

Es gilt also Abbitte zu leisten an einem, der sich weit unter Wert verkauft hat. Aber keine Sorge: Die Neubewertung von Grundlohn und variablen Gehaltsbestandteilen ist im Gange, die Gerechtigkeit nimmt ihren Lauf. Denn schließlich hat ja jeder von uns die Möglichkeit, mit der Fernsehlotterie reich zu werden. Sogar ohne vorherige Promotion.

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