Matthies meint : Wem gehört der Rock’n’Roll?

Ach, Musik! Was war das mal einfach. Auf der einen Seite standen die Altspießer mit ihrer Marschmusik und die Jungspießer mit ihren Schlagern – auf der anderen Seite standen wir mit Beatles, Stones, Led Zeppelin. Drei Takte, alles klar, der Rock’n’ Roll gehörte uns. Aber wem gehört er heute?

Einer der wenigen bekannten Eigentümer ist Cem Özdemir. Der Obergrüne hat sich auf seiner Facebook-Seite regelrecht in Rage geschrieben, nachdem er in einer äußerst bekannten Boulevardzeitung gelesen hatte, Christian und Bettina Wulff hätten sich bei einem Auftritt von Bruce Springsteen getroffen: „Erst von und zu Guttenberg bei AC/DC, jetzt Wulffs bei Springsteen. Was kommt noch? Kauder bei Manu Chao? Diese Musik steht so ziemlich für das exakte Gegenteil Eurer Politik.“

Manu Chao, das sei den Freunden der Schlagerparade gesagt, ist sozusagen der Ernst Busch der globalisierungskritischen Weltmusik – jeder Globalisierer, der ihn hört, hat mit drakonischen Strafen bis hin zum Hausverbot im Bioladen zu rechnen. In Chaos Fall liegt die Sache allerdings auch klar. Doch wie ist das generell: Für welche Politik steht welche Musik? Und kommt es auf den Text an, die Töne, die Gesinnung des Musikers? Oder auf das Erscheinungsjahr?

Man könnte nämlich durchaus behaupten, dass es ein Zeichen stockkonservativer Gesinnung ist, jahrzehntelang immer wieder „Born in the USA“ oder „Highway to Hell“ hören zu wollen, und dass diese Musik also perfekt zu den besagten CDU-Politikern passt. Und dass Özdemir sich falsch einschätzt und in seinem Bekenntnis zu überreifen Klischee-Rockern nicht weniger spießig wirkt als Opa Hoppenstedt beim Uffta-uffta der alten Kameraden. (Steht diese Musik wirklich für grüne Politik? Ich fürchte, ja.)

Zu welcher Musik dürfen sich Politiker überhaupt bekennen? Müssen Freidemokraten jetzt ewig wumpernde Lounge-Musik zum Caipirinha ertragen? Die Piraten den ganzen Tag lang bärtigen Neo-Folk hören? Zwingen wir die Christdemokraten zum AndreaBerg-Klingelton auf dem Handy? Wofür steht Jazz, wofür Rammstein?

Für Cem Özdemir hat sich einer von vielen Spott-Bloggern schon die perfekt passende Musik ausgesucht. Es handelt sich um den Titel „Sonne statt Reagan“, eingespielt 1982 von Joseph Beuys. Wer das heute hört, der ist bereit, jede erdenkliche Politik zu unterstützen, damit es nur sofort, sofort aufhört. Notfalls sogar die von Cem Özdemir.

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