Matthies meint : Wenn Kamele in Wüsten regieren

Im politischen Geschäft ist ein guter Redenschreiber durch nichts zu ersetzen, außer durch einen besseren Redenschreiber. Oder durch Angela Merkel, deren Reden immer so was penetrant Selbstgeschriebenes haben. Das würde Peer Steinbrück nicht passieren, der kennt seine Leute und scheint sich nun nach allerhand Stolpereien akkurat auf seine Auftritte vorzubereiten; wer schon der verwirrten Hassliebe eines Günter Grass ausgesetzt ist, darf absolut gar nichts mehr dem Zufall überlassen.

Hinsichtlich der letzten Bundestagsdebatte müssen wir uns also vorstellen, dass Steinbrück sorgfältig nach einem Kracher hat suchen lassen, einer ultimativen Spitzenschmähung, die die Regierungsbank ohne Umschweife im Staub versinken lässt. Staub ... wirbelt hoch ... Sand ... „Jungs!“, wird der Kandidat seinen Leuten also gesagt haben, „da war doch mal dieser Spruch von Franz Josef Strauß, wenn die Kamele in der Wüste regieren, irgendwie mit Sand oder so!“

Die Recherche ergab: Kamele nein, Strauß ja. Und der Satz habe, so wurde Steinbrück gewarnt, einen Bart, so lang, dass er bis ins zaristische Russland zurückreiche. Und, noch schlimmer, die CDU-Politikerin Julia Klöckner habe ihn schon vor Jahren zu ihrem Lieblingswitz erklärt.

Egal, sagte Steinbrück, soll sich die Klöckner doch totlachen. Und so kam es, dass er der Kanzlerin in der Debatte trotz aller Bedenken entgegenschleuderte: „Wenn Sie in der Wüste regieren, dann wird der Sand knapp!“ Eine spezifische Reaktion der CDU/FDP-Koalition ist nicht überliefert, möglicherweise, weil der Satz konträre Interpretationen zulässt.

Denn ohne Zweifel ist es ja das Ziel praktisch aller bekannten Wüstenpolitiker, den Sand knapp zu halten und durch blühende, zumindest aber irgendwie befestigte Landschaften abzulösen, in denen Wirtschaft und Wohlfahrt gedeihen, Bächlein sprießen und Oasen auf den müden Wanderer warten. Folgt man Steinbrück auf diesem Weg, dann wäre es ein Gebot der Stunde, die Berliner Koalition in die Wüste zu schicken und sie dort ihre segensreiche Tätigkeit ausführen zu lassen, Dirk Niebel in Khaki vorneweg.

Aber hat Steinbrück das so gemeint? Als Lob? Oder war der Sand eher eine Metapher für den Zustand der öffentlichen Haushalte, in denen das Geld ... Franz Josef Strauß können wir nicht mehr nach dem Sinn fragen. Und Julia Klöckner ist in Mainz. Viel zu weit weg zum Witzeerklären.

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