Matthies meint : Wie Berlin gebärfreundlich wird

Verschiedene Weltstädte haben verbissen um das Großereignis gerungen, haben ihre besten Leute zum Präsentieren geschickt und das Vergabekomitee mit einer Fülle vielfältiger Versprechungen zu ködern versucht. Das Ergebnis ist ein herber Dämpfer für Berlins Metropolen-Ambitionen und vermutlich der schwerste Schlag, den die Stadt seit dem Scheitern der Olympia-Bewerbung hinnehmen musste: Die Zwillingsgeburt von Angelina Jolie und Brad Pitt 2008 wird in Nizza ausgetragen.

Wie es scheint, ist Berlin wieder einmal an seiner bürokratischen Unbeweglichkeit gescheitert. Denn der Nizzaer Bürgermeister hat den beiden Kindern soeben die Ehrenbürgerschaft der Stadt angetragen, sie müssen nur noch zur Welt kommen – das wäre bei uns schon an protokollarischen Bedenken gescheitert, an kleinlichen Einwänden der Art, Ehrenbürger müssten sich um die Stadt verdient gemacht haben, beispielsweise durch Gründung von Armenküchen oder unfallfreies Regieren.

Doch wer so argumentiert, verkennt das Wesen des Weltprominenten, der sich um einen Ort allein dadurch verdient macht, dass er seinen Fuß auf ihn setzt. Die Brangelina-Zwillinge werden für Nizza sein, was Romulus und Remus für Rom waren: ein Gründungsmythos schlechthin. Sie müssen sich dafür vermutlich nicht einmal von einer Wölfin säugen lassen, es reicht, wenn die Frau des Bürgermeisters am Wochenbett dutzi-dutzi macht und den Kleinen die Vornamen Cote und Azur verleiht oder Alpe und Maritime – endlich ein Gegengewicht gegen den Glamour von Monaco nebenan!

Tja, Berlin: Pech gehabt. Knorke und Dufte Pitt-Jolie – nur ein Denkbeispiel! – hätten dem langsam verrüpelnden Knut locker das Nachsehen gegeben. Was ist zu tun? Es muss ein Konzept her, mit dem die Stadt auf anstehende Prominentengeburten angemessen reagieren kann. Live-Übertragung mit 30 Kameras im Kreißsaal und zugesicherte Programmänderung bei ARD und ZDF mit Beginn der Wehen – das wäre die Basis.

Auf einer eigens errichteten Seebühne im Wannsee würden Hellmuth Karasek, Ursula von der Leyen und Roger Willemsen das Ereignis einfühlsam kommentieren, unterlegt durch eine Live-Einblendung des Wehenschreibers und Korrespondentenberichte aus den wichtigsten Brennpunkten der Weltgebärszene. Johann Lafer kocht Haferschleim, die Philharmoniker unter Klaus Wowereit spielen „Das ist die Berliner Luft“, hinterher Absacker in „Waldis Kindergarten“ – wäre doch gelacht, wenn die Weltprominenz sich von so einem Konzept nicht überzeugen ließe. Notfalls legen wir noch für ein paar Jahre Kindergeld drauf.

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