Matthies meint : Wie das Breitband Wunden stillt

Internetaffinität ist keine Frage des Alters. KT zu Guttenberg, aus dem ersten Playstation-Alter auch schon heraus, macht gerade die Netzfreiheit in autoritären Staaten zu seinem Lebensmittelpunkt. Und Angela Merkel hat sich auf ihrer Facebook-Seite allein am Wochenende mit ihrer Stellungnahme zum EU-Gipfel 521 Gefälltmirs abgeholt, da muss ein armer Journalist sehr lange Zeilen schinden, um auch nur entfernt …

Gut, Merkels Youtube-Sache vom November scheint ein wenig eingeschlafen zu sein, aber das ist normal, denn die Titanic hat keinen Breitbandanschluss, da müssen wir uns mit Twitter-Nachrichten begnügen. Und unser neuer Innenminister macht vieles wett. Sehr bekannt ist Hans-Peter Friedrich noch nicht, aber er setzt den Finger in die richtigen Wunden, falls man das so sagen kann.

Eine dieser Wunden ist der ländliche Raum, von dem wir ja nicht umsonst sagen, dass er nach und nach ausblute. Friedrich hat am Montag in Berlin auf einem CDU-Kongress die Diagnose gestellt und das Heilmittel gleich dazu: „Eine langsame Internetverbindung bedeutet das Ausbluten des ländlichen Raums.“ Also, um das zu präzisieren: Nicht die Verbindung an sich ist nach seiner Auffassung schuld an dem Schlamassel, sondern das Fehlen einer schnellen Verbindung.

Wie müssen wir uns das vorstellen? Da ist zum Beispiel der Bauer, der eine Frau sucht. Mit einem piependen Modem wählt er sich ins Netz ein, der Ladebalken zagt und zögert, Zeile um Zeile baut sich das Bild auf, und dann bricht alles wieder ab. Erbost wirft der Bauer den ganzen Kram in die Ecke, verkauft Vieh und Traktor und zieht in die Stadt. Land: ausgeblutet.

Oder die Jugendlichen. Sind mit dem Mofa zehnmal um den Dorfbrunnen gefahren, haben seltene Pilze und Kräuter geraucht und sogar den Beitritt zur NPD erwogen, Kuhdorf, blödes. Kommt aber das Breitband zu ihnen, ändert sich alles. Schnell können sie Fachliteratur herunterladen, die Online-Videotheken schicken Filme von Godard und Bunuel, und die Websites der großen Politiker bauen sich auf in Gedankenschnelle und machen noch den dumpfsten Dödel mit der Demokratie vertraut. Stadt? Braucht doch keiner. Bitte!

Das schnelle Internet, sagt Friedrich, ist eine „Schnittstelle für Wohlstand und Lebensalltag“. Lebensalltag? Das klingt ein wenig seltsam. Hat KT zu G im Hintergrund das Internet schon übernommen?

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