Matthies meint : Wie der Cayenne ausspioniert wurde

Echte Spione sind nicht leicht zu erkennen. Denn entgegen landläufiger Überzeugung fahren sie nicht im Aston Martin in den Gardasee, tragen nur ausnahmsweise einen Smoking, und sie können mit ihrer Armbanduhr keine Atombomben ausschalten. Echte Spione sind graue Mäuse, mit unbewaffnetem Auge praktisch nicht zu erkennen, aber ungeheuer improvisationsfreudig.

Wie sehr, zeigt der sogenannte Wolfsburger Babyphon-Skandal: In der Hotelsuite von Porsche-Chef Wiedeking wurde im letzten November vor einer VW-Aufsichtsratssitzung ein eingeschaltetes Babyphon gefunden. Jetzt kam es raus, und die Experten rätseln: Waren es junge Hobbydetektive, die sich Material für ein Referat in Wirtschafts- und Sozialkunde verschaffen wollten? Oder Superprofis, die mit solch extremer Raffinesse arbeiten, das sie ihre weltgefährdenden Umtriebe nur hinter Spielzeug tarnen?

„Hallo“, denkt der Lauschangegriffene möglicherweise irrig, „wenn da einer mit einem Babyphon auf mich losgeht statt mit Lasermikros aus dem All und einer Nano-Kamera im Schwertfischcarpaccio – dann ist das vermutlich ganz harmlos“. Beim nächsten Mal steht dann ein Mann im Trenchcoat mit Hörrohr neben dem Bett – und der Vorstandschef telefoniert beruhigt in dem sicheren Wissen, dass sich ein echter Spion nie sooo bescheuert benehmen würde. Und zack, schon wissen sie drüben in China, dass der neue Cayenne Turbo S acht statt bisher nur sechs Getränkehalter haben wird. Milliardenschaden!

Mag auch sein, dass einer das Babyphon einfach nur vergessen hat und nun fest davon überzeugt ist, dass sein dreijähriger Sohn, extrem hochbegabt, sich nachts auf seine erste Aufsichtsratssitzung vorbereitet. Doch was, wenn nicht? Unsere Innenpolitiker stehen vor einem großen Problem: Sollen sie gesetzlich vorschreiben, dass sämtliche drahtlose Kommunikation einschließlich „Muss pipi!“ und „Dödelödel“ von den Sorgeberechtigten ein halbes Jahr lang aufbewahrt werden muss? Dass Babyphons nur gegen Vorlage von Führungszeugnis und Kindergeldbescheid verkauft werden dürfen?

Der BND ist vermutlich schon weiter. Soeben sickert durch, dass der Lauschangriff auf die afghanische Regierung ursprünglich mit Kassettentonbandgeräten der Marke „My first Sony“ inszeniert wurde. Allerdings sind die großen, bunten Mikrofone im Kabinettssaal doch irgendwem aufgefallen.

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