Matthies meint : Wie der Ossi heute Urlaub macht

Leute, es hat keinen Sinn mehr, der Flieger für den ersten FKK-Trip von Erfurt nach Heringsdorf ist längst ausgebucht. Ein Riesen-Erfolg, selbst wenn wir unterstellen, dass die Hälfte der 55 Plätze von Journalisten eingenommen wird, die mit der Story über den Swinger-Club der Lüfte den Kisch-Preis gewinnen wollen. Über den Wolken … Was natürlich Unsinn ist, denn der Veranstalter meint das Nacktfluggebot seriös, ja: todernst. Es ist das Unternehmen „Ossiurlaub“.

Irgendwas ist da. Es mag sein, dass einfach nur ein paar Leute mal wieder kollektiv den Farbfilm vergessen haben. Oder, wahrscheinlicher: Tief drinnen im gelernten Ostdeutschen wühlt noch immer die Lust, sich die Kleider so oft wie möglich vom Leib zu reißen. FKK, das war der liebste Dresscode der allseits entwickelten sozialistischen Persönlichkeit, die sich im Ost-West-Vergleich durch ein Extra an Sinneslust auszeichnete.

Nicht zufällig! Mangels Zerstreuung durch „Bild“, Ballermann und Benz war der DDR-Bürger ganz und gar zurückgeworfen auf das, was Paul und Paula halt taten, wenn die rauhfutterverzehrende Großvieheinheit gemolken und die Ernteschlacht geschlagen war: Sie zogen sich ins Heu zurück und ließen, um es mit den Puhdys zu sagen, den Drachen steigen. Der große Erotikversteher Udo Jürgens hat das Resultat soeben so formuliert: „Die Ostdeutschen sind höflicher und herzlicher.“

Ebenso wichtig: Wenn Kleidung nicht dazu da ist, durch Designerlabels Klassenschranken aufzurichten, wenn alle unabhängig vom Status die gleichen sog. Niethosen tragen, dann kann das Zeug auch gleich runter, nicht wahr? Insofern steckt in diesem Flug auch ein Stück des antineoliberalen Diskurses – unvorstellbar, dass vorn im Nacktflieger eine Businessclass angeboten wird, in der die Passagiere ihre Boss-Anzüge anbehalten dürfen.

Dass die Fluggäste nach Heringsdorf erst drinnen ablegen dürfen, wirkt allerdings undurchdacht. Denn durch die Vorverlegung dieses Aktes ans Gate ließe sich wertvolle Zeit bei der Sicherheitskontrolle sparen. Und wir wagen nur ungern daran zu denken, was wohl passiert, wenn der Kapitän starten will, während sie hinten immer noch an Bluse und T-Shirt herumnesteln. Und das Gewühle in den Fächern nach der Landung – „Geben Sie meinen BH her!“ „Das sind meine Socken!“ – dürfte alle Anzeichen einer Vorhölle annehmen.

Aber das war die DDR ja, irgendwie, auch.

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