Matthies meint : Wie man die wirklichen Probleme löst

Womit hat sich der Mensch eigentlich vor 50 Jahren die Zeit vertrieben? Ich meine, bevor er das epochale gegenseitige Sich-Preise-Verleihen erfunden hat? Seinerzeit gab es außer Nobelpreisen und Karnevalsorden praktisch nichts, heute wird der tägliche Award zum Event – oder war es umgekehrt? Egal: Die Saison ist in vollem Gange, sie wird praktisch bei jedem, der nicht rechtzeitig in Nordkorea untertaucht, einen Preis hinterlassen, und die Kriterien für die Vergabe werden immer undurchsichtiger; die ganz, ganz guten Überdrübermenschen bekommen demnächst vermutlich den Nobelpreis und den Alternativen Nobelpreis in einem Jahr hintereinander. Dalai Lama? Anne Will? Hans Leyendecker? (Nur drei sehr willkürlich gewählte Beispiele.)

Schön, dass es für echte Forschung noch echte Preise gibt. Der Kenner wartet alljährlich auf die amerikanischen „Ignobel“-Preise für „Forschungen, die nicht wiederholt werden können oder besser nicht wiederholt werden sollten“. In diesem Jahr entfiel der Wirtschaftspreis auf die Erfindung eines Weckers, der nach dem Druck auf die Schlummertaste in ein täglich wechselndes Versteck rollt und dort weiter klingelt – ein Gerät, das bei konsequentem Einsatz Milliardeneinbußen beim Bruttosozialprodukt verhindert. Wichtiger für den Weltfrieden sind zweifellos die Erkenntnisse aus einem Experiment britischer Forscher: Sie haben die Gehirnaktivität von Heuschrecken gemessen, während diese ausgewählte Höhepunkte eines Star-Wars-Films anschauten. Weitere Preise gingen an den Erfinder der Hundehodenprothese sowie an Wissenschaftler, die Frösche unter Stress setzten, sie dann beschnupperten und nach ihrem Geruch klassifizierten – die Nutzanwendung ist noch unklar, aber wer sie findet, der darf mit einem weiteren Ignobel-Preis rechnen.

Ein Bremer Forscher hat übrigens herausgefunden, dass Pinguine ihren Kot mit dem Druck eines Autoreifens ausstoßen. Preiswürdig? Nun ja: Es gibt doch auch bei uns Exzellenzcluster der Nischenforschung. Joschka Fischers Verdienste um die Weiterentwicklung der seriellen Monogamie beispielsweise werden noch zu wenig gewürdigt. Und die Gewerkschaft der Lokführer hat sich eine Auszeichnung für die konsequente Anwendung mittelalterlicher Verhaltensformen im Tarifdialog verdient. Ein im Wortsinn bahnbrechender Beitrag zum modernen Leben – um das zu erkennen, müssen wir nicht einmal an den Lokführern schnuppern.

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