Matthies meint : Wie man Wähler satt bekommt

Unser Autor Bernd Matthies über Anglizismen in unserer Sprache und warum letztere so gemein sein kann.
Unser Autor Bernd Matthies über Anglizismen in unserer Sprache und warum letztere so gemein sein kann.Foto: TSP

Es läuft am Ende immer wieder auf die Currywurst hinaus. Sie ist an jeder Berliner Ecke zu haben. Zwar existieren konkurrierende Geschäftsideen, Döner zum Beispiel oder Hamburger, aber die Currywurst ist nun mal der sichere Sieger, es gibt sie sogar unten im Adlon. Wäre das Hotel in den Händen der SPD, dann hieße es, man serviere die Wurst, um das Lebensgefühl der Menschen widerzuspiegeln.

Das klänge ziemlich hochtrabend. Einer SPD im Siegestaumel ist das allerdings egal, und deshalb verdanken wir Sigmar Gabriel nun den sehr schönen Satz, man habe in Nordrhein-Westfalen das Lebensgefühl der Menschen bis hin zur Currywurst widergespiegelt. Bis hin!

„Currywurst ist SPD“, hieß es auf den Plakaten, was von Böswilligen dahingehend interpretiert wurde, die SPD sei eine ungesunde Mixtur ungewissen Inhalts mit zäher Pelle und roter Soße. Manch ein Wahlkampf-Kritiker erinnerte sich sogar an Bismarcks Erkenntnis „je weniger die Leute wissen, wie Würste und Gesetze gemacht werden, desto besser schlafen sie“.

So oder so: Die SPD droht bereits damit, das Erfolgsrezept aus NRW auch für die Bundestagswahl zu verwenden. In Berlin müsste dafür ebenfalls die Currywurst zum Einsatz kommen, allerdings wäre zumindest in Kreuzberg „Döner ist SPD“ doch der bessere Slogan. Für den hohen Norden würden wir „Labskaus ist SPD“ vorschlagen, ausgenommen Sylt, wo „Austern sind SPD“ vermutlich noch viel besser ankäme. Und die Widerspiegelung des bayerischen Lebensgefühls gelingt ohne Zweifel am besten mit Bezug auf bajuwarische Essgewohnheiten, also beispielsweise „Schweinsbraten ist SPD“. Ein Wahlkampf- Kracher!

Übrigens spiegeln die Getränke das Lebensgefühl der Wähler oft noch viel zutreffender – da liegt ein gewaltiges Potenzial. „Soja Latte macchiato ist Grüne“ klingt zwar noch ziemlich holprig, deutet aber den richtigen Weg an. „Rum ist Piraten“ hat dagegen schon den richtigen Zug zum Erfolg. Und der FDP würden wir raten, nicht gleich auf Champagner zu setzen, sondern die bescheidenere Variante zu wählen: „Prosecco ist FDP“, das fängt auch das Lebensgefühl hedonistischer Schlechterverdiener ein, gibt den Liberalen aber ein prickelndes Image.

Die Linken haben es dagegen schwerer. Sollen sie beständige Ost-Werte aufwärmen und „Soljanka ist Linke“ texten? Auf die im Osten stabil verankerte Club-Cola setzen? Hier, das ginge: „Rotkäppchen ist Linke“. Da stimmt alles, Historie, Prickeln, Beliebtheit. Und sogar die Farbe! Dann geht’s auch ohne Oskar.

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