Matthies meint : Wie wir das neue Europa bauen

Unser Autor Bernd Matthies über Anglizismen in unserer Sprache und warum letztere so gemein sein kann.
Unser Autor Bernd Matthies über Anglizismen in unserer Sprache und warum letztere so gemein sein kann.Foto: TSP

Unser Verhältnis zum Chinesen lässt sich in drei Phasen aufteilen. Die erste trug den Titel „die Gelbe Gefahr“ und ging von der Erwartung aus, dass die Chinesen, weil sie so schrecklich viele sind, irgendwann alle bei uns einreisen und die Geschäftsführung übernehmen. Die zweite Phase hieß „Wirtschaftsmacht“, und wir knüpften enorme Ängste daran, dass in China nicht nur sämtliche Marken- T-Shirts, Smartphones und Handtaschen der Welt billig hergestellt werden, sondern auch gleich noch die dazu passenden Fälschungen.

Die dritte Phase beginnt dieser Tage in der Provinz Guangdong, wo ein Unternehmen einen kleinen Ort bauen will, eine exakte Kopie des romantischen Städtchens Hallstatt im Salzkammergut inklusive angrenzendem See, vermutlich sogar mit ordentlichen Parkplätzen in der Nähe. Drunten im Salzkammergut sind sie ein wenig sauer über diesen Streich, nur gibt es kaum eine rechtliche Handhabe, ihn zu verhindern.

Vermutlich sollten wir uns von dem kontraproduktiven Plagiatsärger freimachen. Denn chinesische Baumeister haben auch schon deutsche Bauhaus-Plätze, Teile von Dorchester, Venedig, Stockholm sowie die Kathedrale von Bristol geklaut. Europa gilt dort als schick, das ist unsere Chance. Denn so könnte Deutschland, während es in seiner Originalfassung langsam zerbröselt, in China neu erschaffen werden. Das Dresdener Elbpanorama ohne die störende Waldschlösschenbrücke, das Moseltal ohne die Hochmoselquerung, ja, das ganze Land ohne Stromleitungen und Windspargel, möglicherweise sogar ohne die FDP und Johannes B. Kerner – eine verlockende Perspektive, die sicher auch der Unesco gefällt.

Doch China ist größer, bietet sogar Platz für ganz Europa, wenn wir ein wenig zusammenrücken und auf überflüssige Waldgebiete sowie Binnenmeere verzichten. Der italienische Stiefel wird in die Adria geschoben, statt der Alpen gibt es schon den Himalaja, Großbritannien rückt auf Hollands ohnehin fade Polder, Bielefeld kann weg, Schweden und Norwegen werden hübsch um Dänemark drapiert, und das sperrige Spanien kommt als eine Art Gürtel um das Ganze herum – fertig.

Die Kosten dieser Umsiedlung dürften beträchtlich sein. Dennoch lässt sich auch dieses Problem durch einen kleinen Kunstgriff lösen: Wir lassen beim Bau des neuen Europas in China Griechenland einfach weg. Damit wäre die Finanzierung des Umzugs so gut wie gesichert.

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