Matthies meint : Wo ist dieser Satz geblieben?

Das Volk, du liebe Güte. Wie man das Wort anschaut, so schaut es zurück. Erst ganz harmlos, einen Sachverhalt beschreibend. Dann von den Nazis zuschanden geredet, von den DDR-Bürgerrechtlern 1989 restauriert – möglicherweise liegt die einzige Möglichkeit, den Begriff heute neutral zu nutzen, in der minimalinvasiven Ironie. „Wir wollen sein ein einig Volk von Brüdern“, schworen Tick, Trick und Track einst, „in keiner Not uns waschen und Gefahr“. Bitte, geht doch.

Die drei Enteriche also waren ein Volk, aber nicht das Volk, das in seiner Entität … Achtung, wir erreichen das Ende des entologischen Proseminars und kehren zum Thema zurück, und dieses Thema lautet: „Wir sind das Volk“. Manch einer wird sich in den vergangenen Jahren gefragt haben, wo der Satz eigentlich geblieben ist, jener Satz, der doch immerhin eine Regierung nordkoreanischen Beharrungsvermögens ohne jegliches Kawumm aus der Macht zu hebeln half.

Die Wahrheit ist: Er lag irgendwie so herum, markengeschützt von der Stadt Leipzig und ihrem ehemaligen Pfarrer Christian Führer. Nun setzt Markenschutz voraus, dass die Marke auch mal zum Einsatz kommt, und daran haperte es. Sollte Leipzig den Satz zur Tourismuswerbung verwenden? Auf seine Biotonnen drucken? Also wurde der Schutz amtlich aufgehoben – und der Satz landete alsbald in Norderstedt. Dort leben zwei aufstrebende Amateurpolitiker, hinter denen eine Partei namens „Wir sind das Volk WSDV/Deutsche Volkspartei“ steht.

Die kann nun, sofern der Markenschutz rechtskräftig wird, exklusiv behaupten, sie sei das Volk. Sie kann den Satz auf Schnapsgläser und T-Shirts drucken, kann ihn Kundgebungen und Kreisdelegiertenversammlungen voranflattern lassen. Und das ist insofern bedenklich, als Kenner diese Partei der Bewegung der „Reichsdeutschen“ zuordnen. Sie vertritt die interessante Theorie, dass die Bundesrepublik kein souveräner Staat sei, und dass deshalb das Kaiserreich immer noch uneingeschränkt existiere. Was sie natürlich ganz, ganz toll findet.

Und daraus folgt jetzt was? Vermutlich nichts. Bei nächster Gelegenheit werden 99,99 Prozent der Wähler mitteilen, dass sie die WSDV nicht für das Volk halten, und der Satz wird wieder so lange daliegen, bis der Markenschutz ausläuft. Dann könnte vielleicht Leipzig einen neuen Anlauf unternehmen. Ach, ich lasse mir jetzt auch einen Satz schützen: Wir sind vielleicht ein Volk!

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