Matthies meint : Wortasche am Mittwoch

Zu einem ordentlichen Rosenmontagszug gehört die Papstkritik wie der Wetterbericht zur Tagesschau. Der Oberhirte sagt immer irgendetwas, was andere ärgert, und da er bekanntlich Gottes Nummer zwei ist, bietet er sich wie kein anderer an, wenn es darum geht, Gratismut vor Fürstenthronen zu beweisen. Denn es besteht ja kein Risiko, anschließend von seinen Leuten mit fundamentalistischen Todesdrohungen überzogen zu werden.

In diesem Jahr also entzündete der Papp-Papst in Mainz eine römisch-katholische Kerze und stieß mit dem Hintern eine evangelische um, das Ganze hieß „Päpstlicher Ramm-Po“. Oh, da ist die komplexe Problematik der Ökumene in einer Nussschale zu besichtigen, das ist sowas von auf den Punkt, da kann der Narr sich schier beölen, es zerreißt ihn fast vor Glück. Ramm-Po! Uaaaah! Rambo, verstehen Sie?

Es liegt wohl an solch unterirdischen Pointen, dass das Karnevalswesen sich beim Ausbreiten in östliche Richtung so schwer tut und Wurzeln nur in Hardcore-Frohsinnsmetropolen wie Cottbus zu schlagen vermag. Der kühle Rest der Republik wartet ab, bis am Aschermittwoch die Rhetorikgewitter der Politiker übers Land fegen und das Ende der Narreteien signalisieren. Aschermittwoch ist Karneval im Business-Anzug, eine Leistungsschau, deren Erfolg an Redezeit, Zuhörerzahl und Beifallslänge gemessen wird. In diesem Jahr droht eine zeitraubende Neuerung: Doppelreden.

Gysi und Lafontaine beispielsweise rechnen im Saarland mit der Konkurrenz ab, das ist praktisch wie ein Wildschweinessen mit Asterix und Obelix im gallischen Dorf, während draußen die neoliberalen Heerscharen dumm herumstehen. Noch spannender wird es in Passau, wo sich die Herren Huber und Beckstein die Franz-JosefStrauß-Rolle teilen, der eine, so heißt es, werde die bundespolitische Attacke auf die SPD formulieren, der andere landespolitisch abrechnen. Hoffentlich reden sie nicht durcheinander.

Zum Konsens des politischen Aschermittwochs gehört es, dass der Redner nur dort wirklich aufzupeitschen vermag, wo seine Wurzeln stecken. Franz Müntefering tritt in Schwerte auf, wo sie in den goldenen Jahren der SPD auch einen Besenstiel gewählt hätten, wenn der als Direktkandidat aufgetreten wäre. Und Angela Merkel meldet sich in Demmin zu Wort.

Demmin, das ist Meck-Pomm pur, was ließe sich dazu sonst noch sagen? Es ist jedenfalls das Gegenteil eines Mainzer Rosenmontagszugs.

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