Zeitung Heute : Matthies meint: Zum Daddeln in den Superstau (Glosse)

Das Taxi in seiner heutigen Form ist ein kultureller Fortschritt erster Güte. Niemand, der es sich leisten kann, muss mehr zu Fuß gehen, sich um Stadtpläne, Umleitungen, unlesbare Hausnummern und ähnliche Probleme kümmern. Und, noch vorteilhafter: Es macht den Gast mit den Sitten der Eingeborenen vertraut, mit dem Slang der New Yorker Jamaikaner ("No go Bronx, Mistah"), den Tricks der cleveren Frankfurter, denen immer auf der Kennedy-Allee - so was Dummes! - das Taxameter kaputt geht, und auch die Umgangsformen der Berliner Taxifahrer mit ihrer an Kickboxen erinnernden Argumentation sind stets eine Reise wert. Doch was wird aus diesem Stück Weltkultur? Es geht, wie so vieles andere, unter dem dumpfen Anprall des Internets zu Bruch, denn in New York werden gegenwärtig die ersten Taxis mit einem Anschluss ausgestattet. Sitzt der Fahrgast, wie meist, in irgendeinem Stau fest, soll er nicht mehr in die U-Bahn flüchten, sondern sich in die virtuellen Welten des Netzes verkrümeln dürfen - dumpfes Daddeln statt innerer Einkehr oder aktiver Flucht. Vor allem für Journalisten dürfte das ein Rückschlag sein, denn statt die Ansichten des Taxifahrers zur "Auffassung einflussreicher politischer Kreise" hochzustilisieren, müssen sie nun im Internet ihre eigenen Berichte lesen. Doch konsequent ist die Neuerung schon, denn wenn dereinst die letzte Kreuzung verstopft, das letzte Autobahnkreuz mit Lastern verstellt, der letzte Parkplatz blockiert ist, dann werden wir feststellen, dass das Netz immer noch einen Ausweg bietet. Fahrer, wird es dann heißen, bitte gleich auf die Datenautobahn.

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