Mauerfall im Fernsehen : Mit dem Zweiten flieht man besser

War es Marx, der gesagt hat, dass sich die Tragödie als Farce wiederholt? Und wenn das stimmen sollte, dann wäre die nächste Frage, als was sich ein friedlicher Umsturz wiederholt.

Rüdiger Schaper

Nun, das ZDF weiß Antwort. Im Fernsehen kennt man sich mit Wiederholungen aus. Sie sind das Rückgrat der Programmstruktur. Marx konnte noch nichts ahnen von der Revolution im Zeitalter der technischen Reproduzierbarkeit.

Im ZDF hat sich am Montagabend der Fall der Berliner Mauer als Außenwette wiederholt. Allerdings unter Sauwetterbedingungen. So viel Schirmdamen und -herren sah man nie. Angela Merkel machte ein Gesicht wie zwanzig Jahre Regenwetter. „Der Himmel weinte vor Freude“, titelte ein Boulevardblatt, das sich gern in den Feldherrenmantel der Geschichte hüllt.

Wetten, dass die Grenze verschwindet? Man durfte noch einmal mitzittern. Den Part von Günter Schabowski, der damals in der Ursendung das Geschehen moderierte, übernahm Thomas Gottschalk, der letzte Quotenbringer. Auch die öffentlich-rechtlichen Sender leiden unter Zuschauerschwund, wie einst das SED-Regime.

Wie sich die Bilder gleichen. Auch Gottschalk, der durch die Einheitsfeier am Brandenburger Tor führte, hatte ominöse Zettel in der Hand. Auch Gottschalk stieß geschichtsträchtige Dinge an, die man bis dato nicht für möglich gehalten hätte. Auch am 9. November 2009 starrte man auf den Bildschirm und konnte es nicht fassen.

Placido Domingo besang die „Berliner Luft“. Jon Bon Jovi (warum eigentlich der?) packte irgendeinen Song aus, dessen Refrain von den Byrds („Wasn''t born to follow“) und aus dem „Easy Rider“-Film geklaut war. Fünf Tenöre – oder waren es Models für Herrenwinterbekleidung, passend zum nasskalten Berliner November? – knödelten Westernhagens Ode von der „Freiheit“. Die Fernsehregie brachte das Kunststück fertig, den Lauf der Dominosteine aufzuhalten, die das Weltumspannende des Events symbolisieren sollten. Lech Walesa soll im Eifer des Gefechts mit einem Kameramann zusammengestoßen sein.

Als Gottschalk abgab zu Guido Knopp, dem Sternstunden-Deuter des ZDF, war es amtlich: Mit dem Zweiten flieht man besser. Die Wiedervereinigung wurde in Mainz besiegelt. Mainz, wie es singt und lacht. Heute ist der 11.11. Haben die sich im Datum vertan? Lief nicht erst am letzten Wochenende „Wetten, dass …“? Nur Michelle Hunziker fehlte. Was vielleicht erklärt, warum Silvio Berlusconi auf der Ehrentribüne eingedöst ist. Rüdiger Schaper

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