Zeitung Heute : Maultaschenmanufaktur

Norbert Thomma

Was dem Kind die Schwimmflügel, was dem Katholiken der Beichtstuhl, was einer Bandscheibe die Osteopathin – das ist den Mitarbeitern des Tagesspiegels die Maultaschenmanufaktur: Rettung in höchster Not. Denn die Kantine des Verlages war in den vergangenen Jahren, nun ja ...

Man kann es auch positiv sehen. Das gruselige Essen hat alle mobil gemacht, und Bewegung ist gesund. Um die Mittagszeit verließen die Hungrigen in Scharen das Haus, um andernorts Nahrung aufzunehmen. Und irgendwann streute sich das Gerücht, es gäbe da um die Ecke einen neuen Schwaben. Und was für einen!

Kürzlich sagte die Schwimmerin Britta Steffen, sie sei ein „Wasserwesen“. Sie ist Weltmeisterin. So wie Hape Kerkeling ein Witzewesen ist, ein Olympiasieger des Humors. Und Ulrich Morof ist ein Wirtswesen. Ein schwäbischer Schaffer. Das Geheimnis seines Zaubers ist: Schlichtheit. Teig + Füllung = Maultasche. Dazu sein Kartoffelsalat: ein zartsäuerliches Feuchtgebiet, wie es eine Großmutter auf der Alb nicht besser hinbekäme. Was hier serviert wird, ist handgemacht, täglich frisch. Im Nu war die Hütte voll. Tagesspiegelianer standen Schlange, saßen zusammen, aßen Maultaschen, geschmälzt und in der Brühe, fleischig und vegetarisch. Die Ästheten hatten ein wenig Probleme mit dem Interieur. Spinatgrüne Wände. Bis sie gewahr wurden, dass es sich um ein künstlerisch-kulinarisches Konzept handelte, denn der Wandspinat fand sich dialogisch in den Maultaschen wieder. Das Grün wurde ein Opfer der Renovierung, der Tagesspiegel zieht weg, doch die Hoffnung auf Rettung bleibt. Mit dem Fahrrad sind es nur ein paar Minuten vom Askanischen Platz, und inzwischen hat der Wirt mittags sowieso seine Ruh. Man sieht sich, alter Schwabe! Zum Feierabendbier. Norbert Thomma

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