Max Mara : Der Mantel der Geschichte

„Made in Italy“ seit 60 Jahren: Das Unternehmen Max Mara produziert bis heute in seinem Heimatort – ein Besuch in Reggio Emilia.

Grit Thönnissen

Alles beginnt mit Mama Giulia. Wie sonst sollte eine italienische Erfolgsgeschichte anfangen als mit einer Mutter. Während des zweiten Weltkrieges brachte Giulia Maramotti das Buch „Wie man aus alten Kleidern neue macht“ heraus. Mit genauen Anleitungen, wie man aus einer Hose mit durchgescheuerten Knien die Teile für ein Kinderkleid herausschneiden kann.

Ihr Sohn Achille hat genau hingeschaut, was die Frauen, die seine Mutter in einer Nähschule kurz nach dem Krieg unterrichtete, anziehen wollten. Kleider und Mäntel wie die von Christian Dior, die in Paris gezeigt wurden – nur einfacher zu nähen, für den Alltag. Deshalb erfand er nach seinem Jurastudium auf der Grundlage der Bücher seiner Mutter normierte Konfektionsgrößen, die man mit den Schnittmustern nachschneidern konnte. Dann heuerte er drei der Schülerinnen an und gründete 1951 das Modeunternehmen Max Mara. Am Anfang ließ Achille Maramotti vor allem Mäntel produzieren. Das Kleidungsstück zeigte die Emanzipation der Frauen: Die blieben nicht mehr Zuhause, sondern verdienten ihr eigenes Geld.

Die Nachfahren von Achille Maramotti sind stolz auf das, was die Familie in den vergangenen 60 Jahren geschafft hat. Sie haben 2279 Boutiquen in der ganzen Welt, und im vergangenen Jahr verkauften sie Kleidung für 1,22 Milliarden Euro. Zum sechzigsten Geburtstag haben sie ein festgelegtes Programm für Gäste, die die Max-Mara-Welt in Reggio Emilia besuchen. Das moderne Hauptquartier ist ein Labyrinth aus Gängen. Hier verirren sich auch langjährige Mitarbeiter. Was daran liegt, dass die Wände zwar aus Glas bestehen, aber so stark getönt sind, dass man nicht hineinsehen kann in die Räume. Man sieht die Umrisse von Schreibtischen, ein paar bunte Stoffe an den Wänden, Stangen mit Kleidern. Die Zukunft bekommt man nicht vorgeführt, dafür sehr viel Vergangenheit.

Bei Max Mara wollten sie nie vorne wegpreschen, sie versuchten nie, sich durch einen berühmten Designer interessant zu machen. Obwohl schon Karl Lagerfeld und Jean Charles de Castelbajac in Reggio Emilia gearbeitet haben, aber das verraten die Inhaber immer erst viele Jahre später. So arbeiten sie auch heute noch. „Jemand sehr Berühmtes aus Paris hat die neuen Mäntel für die Linie Atelier entworfen“, sagt Kommunikationschef Giorgio Guidotti, „wer, kann ich natürlich nicht sagen.“

Die Maramottis und ihre treuen Mitarbeiter haben sich immer darauf konzentriert, das zu machen, was sich gut verkauft. Sie waren die ersten, die in den sechziger Jahren eine junge Zweitlinie herausbrachten. Heute gibt es insgesamt 19 Marken für junge, dicke, elegante, sportive, heiratswillige und reife Frauen. Es gibt Mäntel für 100 und für 2000 Euro.

Die Hauptlinie Max Mara und ihre exklusiven Nebenlinien werden heute noch in Reggio Emilia genäht. Weil „Made in Italy“ immer noch mit solider Qualitätsarbeit gleichgesetzt wird. Der Werksleiter Guiseppe Bacci findet es albern, so zu tun, als sei Handarbeit besser als das, was auch eine Maschine kann. Und wenn es die Maschine, die den „Puntino“, eine sichtbare Naht, die sich an Säumen von Revers und Ärmeln entlangzieht, noch nicht gibt, dann erfindet seine Firma sie eben.

Giuseppe Bacci begann hier mit 18 Jahren als Näher, heute ist er einer von zehn Arbeitern, die von 250 aus der ersten Generation übrig geblieben sind. Auch er ist Teil der Max-Mara-Tour: Mehrmals in der Woche führt er in seinem weißen Kittel durch das lang gezogene Gebäude. Bacci sagt: „Die Leute müssen wissen, wie wir arbeiten.“ Es gibt zwölf Stationen, an denen Taschen, Ärmel, Futter zusammengenäht werden. Dazwischen wird immer wieder kontrolliert, ob sich keine falsche Falte oder krumme Naht eingeschlichen hat. In der letzten Station wird gerade ein kastig geschnittener, kamelhaarfarbener Mantel von allen Seiten begutachtet: Der „101801“ wird unverändert seit 1981 hergestellt.

Die Chefdesignerin Laura Lusuardi hat schon tausendmal erklärt, warum dieser Mantel so etwas wie den goldenen Schnitt hat. Im Schrank der firmeneigenen Bibliothek hängt ein Exemplar, das sie erklärt wie eine Stewardess die Schwimmweste vor dem Abflug. Er sei genau 120 Zentimeter lang, große und kleine Frauen könnten ihn tragen, sagt sie und fährt über die vordere Kante. Dann breitet sie die Ärmel aus: „Wegen der Kimonoärmel, die eine Schulternaht überflüssig machen, sieht er nie zu breit aus.“ Neben dem „101801“ hängen unfassbar sorgfältig verarbeitete Kunstwerke aus schweren Wollstoffen, die heute niemand mehr tragen würde. Mäntel von Cristobal Balenciga aus den fünfziger Jahren, einer aus der russischen Kollektion von Yves Saint Laurent, ganz abgewetzt an den Taschen und Säumen. „Der hat mal Audrey Hepburn gehört“, sagt Laura Lusuardi. Und natürlich alte Max-Mara-Mäntel, die sich in der Kostümsammlung erstaunlich modern ausnehmen. „Man muss vorsichtig mit den Details sein“, sagt Laura Lusuardi.

Für die Details hat sie ihr Archiv, in dem auch ihre eigene Geschichte konserviert wird. Jede Kollektion ist hier aufbewahrt und unzählige Mäntel und Kleidungsstücke aus den vergangenen hundert Jahren. In dem alten Palazzo mitten in Reggio Emilia gibt es keine Glaswände und Betonböden. Im Büro steht ein alter Tisch mit einem löchrigen Lederbezug, auf dem Achille Maramotti Stoffe begutachtete. Auf einem Aktenschrank stehen dutzende Sportpokale. „Als wir umgezogen sind, haben die Mitarbeiter alles liegen lassen.“ Also ist die Chefdesignerin mit ihrer Bibliothekarin durch die verlassenen Räume gegangen und hat Taschenrechner, Kopiermaschinen und Pokale eingesammelt, „weil die zur Geschichte von Max Mara gehören“.

Laura Lusuardi kam 1965 mit 18 Jahren ins Unternehmen, ihr Vater verkaufte in seiner Boutique Max Mara. Nur ein paar Jahre später zeichnet sie die ersten Mäntel für die neue junge Linie „Pop“. Nein, bestimmt habe sie damals gar nichts – „Ich habe nur gemacht, was Herr Maramotti mir gesagt hat.“ Das hat sich gründlich geändert. Heute ist sie die Chefin über alle Designabteilungen, so etwas wie eine moderne Variante von Giulia Maramotti.

Es nimmt sich fast rührend aus, dass die Chefdesignerin selbst die Power-Point-Präsentation zur Geschichte des Unternehmens startet und jedes der mehr als 100 Bilder erklärt, die sie vorbereitet hat. Wenn Laura Lusuardi von Bild zu Bild klickt, wechseln zwar die Models, die Fotografen und die Atmosphäre der Bilder, aber eines bleibt: die Haltung. Frauen, aufrecht stehend, oft draußen fotografiert – sie tragen ja Mäntel – ihre Hände in den Manteltaschen, den Blick nach vorne gerichtet, nicht gesenkt. Wo anderorts die Models liegen, knien, die Augen wie in Extase geschlossen, die Hälse weit nach hinten gebogen haben, ist bei Max Mara der Blick nach vorne die größte Gemeinsamkeit. Die Frauen sind nie Objekte des Betrachters. So hätte es auch Mama Giulia gewollt.

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