Zeitung Heute : Max war Maxwell

„Raffiniert und hochgradig kriminell“ – so urteilte der Richter über Strauß junior

Mirko Weber[Augsburg]

Acht Jahre lang habe man seinen Mandanten „geteert und gefedert“, sagt der Anwalt von Max Strauß, Wolfgang Dingfelder, nach der Urteilsbegründung, heute sei er „geschlachtet“ worden. Vergangene Woche, in seinem Plädoyer, klang Dingfelder weniger martialisch, als er einen Freispruch für den Mann erzielen wollte, der ihn immer an einen „kleinen Vogel“ erinnere. Max Strauß, das war der Kern der Begründung, habe als Sohn nie richtig fliegen gelernt.

Der heute 45-jährige Max Strauß hatte sich das ganze vergangene halbe Jahr vor dem Augsburger Landgericht im Schweigen geübt und verzichtet auch am Donnerstag auf das letzte Wort. Es ist daher nicht verwunderlich, dass der Vorsitzende Richter Maximilian Hofmeister sich in der Urteilsbegründung auch mit ebendieser stummen Rolle von Max Strauß beschäftigt. Sitzung für Sitzung versuchte Hofmeister, den wegen Steuerhinterziehung angeklagten Strauß aus seiner oft bleiern wirkenden Teilnahmslosigkeit zu reißen. Stets ist Hofmeister an eine Mauer gestoßen, am Donnerstag schwankt sie ganz kurz.

Einmal scheint der Angeklagte beeindruckt. Das ist, als ihm Hofmeister eröffnet, er hätte vielleicht mit einer Bewährungsstrafe davonkommen können: „Wenn Sie geredet hätten, Herr Strauß.“ Überhaupt, fährt Hofmeister fort, könne er das Reden nur jedem empfehlen, der sich demnächst in Augsburg vor Gericht sehen lassen muss. Gemeint ist: Holger Pfahls. Das Gericht wollte den Prozess nicht noch mehr in die Länge ziehen und hat auch deshalb darauf verzichtet, die beantragte Auslieferung Pfahls’ abzuwarten. Ohnehin, betont Hofmeister, spiele Pfahls nur eine marginale Rolle im Fall Strauß. Am Spürpanzer-Geschäft mit Saudi-Arabien war Strauß kaum beteiligt – wurde aber mit 500000 Mark entlohnt.

In weiten Teilen folgte das Gericht der Argumentation der Staatsanwaltschaft, die sich auf Kalender des Waffenhändlers Karlheinz Schreiber stützt, um den Geldfluss zu belegen, den der für Max Strauß lenkte. „Max Strauß war Maxwell“, sagt Hofmeister, und deshalb wird er zu drei Jahren und drei Monaten Haft verurteilt. Schreiber kannte, laut Telefonverzeichnis, nur einen Max und gab dem von ihm treuhänderisch geführten Konto zuerst den Decknamen „Master“, dann „Maxwell“. „Master“ war also nicht der Vater Franz Josef Strauß – und schon gar nicht die CSU. Mitte der 90er Jahre wurde das Konto, bestückt mit 5,2 Millionen Mark Provisionszahlungen, von der Schweiz nach Liechtenstein verschoben.

Die Beweisführung wäre nicht möglich gewesen ohne Schreibers beschlagnahmte Kalender, in denen er festhielt, auf welche Unterkonten das Geld aus dem Erlös der Airbusgeschäfte mit Kanada und Thailand geflossen war. Zeitweise mussten 14 Beteiligte bedacht werden. Max Strauß gehörte nach Auffassung des Gerichts zweifelsfrei dazu. Sein Vorgehen sei „raffiniert und hochgradig kriminell“ gewesen, befand das Gericht, ganz auf der Linie der Staatsanwaltschaft.

Eines ist Hofmeister besonders wichtig: In Augsburg wurde, wie er sagt, nicht gegen den Sohn eines berühmten Vaters verhandelt. Max Strauß sei immer für sich selbst verantwortlich gewesen. Er habe, trotz seiner Jugend, gewusst, auf wen er sich einlasse, als er Ende der 70er Jahre anfing, für Schreiber den „Türöffner“ in der Welt zu spielen, und er habe auch nicht für einen „Gotteslohn“ gearbeitet. Strauß habe „seinen guten Namen verkauft“ und „ganz bewusst Steuern hinterzogen“.

Auch gegen den Vorwurf, die Verurteilung von Max Strauß habe schon am ersten Prozesstag Ende Januar festgestanden, verwahrt sich Richter Hofmeister. Da wird er sogar einmal laut und pocht auf den Tisch, obwohl das Vorgehen des Gerichts bei dieser „Schnitzeljagd nach dem verlorenen Schatz“ sonst eher leise war. Offenbar mit Engelszungen haben die Augsburger Ermittler Kollegen in der Schweiz davon überzeugt, dass man ohne ihre Rechtshilfe nicht weiterkomme: „Wir konnten ihnen die Angst nehmen, dass die deutsche Justiz in der Schweiz einmarschiert“, sagt Hofmeister mit der für ihn typischen Mischung aus Ironie und Kalkül. Weitergeholfen hat der deutschen Steuerfahndung und dem Gericht ferner Georgio Pelossi, Schreibers früherer Treuhänder, der zum Kronzeugen wurde und den Ermittlern das System Schreiber haarklein erklärte, nachdem er sich mit ihm überworfen hatte. Pelossi ist vier Tage lang in Zürich vernommen worden.

Nicht nur Schreiber hat unterschätzt, zu welchen Zugeständnissen die Schweizer Behörden bereit waren, als sie, entgegen der üblichen Praxis, auch die Kontenbewegungen zur Einsicht freigaben. Den größten Fehler machte Schreiber, als er seine Kalender in der Manier eines „Teenagers“ führte, wie Hofmeister sagt. Die meisten Decknamen seien am Ende leicht zu entschlüsseln gewesen.

Dass die Verteidigung in der allerletzten Sekunde der Beweisaufnahme, aus wessen Hand auch immer, den Beleg beibrachte, das „Maxwell“-Geld sei immer Schreibers Geld geblieben und für Max Strauß nie verfügbar gewesen, interessierte das Gericht nicht. Man müsse sich, sagt Hofmeister, Schreibers System als Schatztruhe mit vielen Schubladen vorstellen. Wer nur für sich etwas horte, brauche aber keine Schubladen. Eine besonders gut gefüllte gehörte Max Strauß.

Der Angeklagte folgt seiner Verurteilung und deren Begründung meistens mit geschlossenen Augen. Einmal lächelt er, als Hofmeister die Staatsanwaltschaft lobt. Einmal schnauft er zur Decke hin, als Hofmeister noch einmal erwähnt, dass die behandelnden Ärzte dem psychisch anfälligen Max Strauß per Attest bescheinigt hatten, er werde den Prozess niemals durchstehen. Der Gerichtsarzt hatte jedoch vor Prozessbeginn festgestellt, Strauß sei psychisch durchaus für die Verhandlung disponiert.

„Hören Sie noch zu, Herr Strauß?“, fragt Richter Hofmeister ein letztes Mal. Er hat es oft gefragt in diesem halben Jahr. „Ja, ja“, sagt der Verurteilte. „Ich hab mir nur den Montag notiert.“ Am Montag muss sich Strauß, dessen Haftbefehl ausgesetzt worden ist, in München-Giesing auf dem zuständigen Polizeirevier melden. Am Ende, draußen vorm Gerichtssaal, steht seine Ehefrau und sagt, der Prozess sei eine Unverschämtheit und ihr Mann unschuldig. Aus der Menge fragt einer nach ihrem Vornamen. „Den sage ich Ihnen nicht“, antwortet sie. Max Strauß steht daneben. Er sagt: „Gabriele“.

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