Zeitung Heute : Mazedonien-Einsatz: Sündenbock aus Leidenschaft

Hans Monath

Ein merkwürdig gelassener Karl Lamers sitzt da im Bundestag, ziemlich weit hinten für einen wichtigen Mann: achte Reihe, zweiter Stuhl. Vorne am Rednerpult beschwört Außenminister Joschka Fischer an diesem Mittwochmorgen gerade den blutigen Bürgerkrieg in Mazedonien, den es nun zu verhindern gelte - mit deutscher Hilfe. Aber der CDU-Abgeordnete Lamers, der doch in den vergangenen Tagen die Union zur Zustimmung gedrängt hat, schaut kaum nach vorne. Er flüstert mit seinem Nachbarn, gelegentlich scheint man sich zu amüsieren. Dabei ringt das Hohe Haus in dieser Sondersitzung um nichts Geringes - um Menschenleben, Leid von Völkern und Bündnistreue.

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Die Beteiligten: Welches Land wieviel Soldaten nach Mazedonien schickt Der hagere Mann, den diese Fragen nicht weniger umtreiben als die Redner, tritt an diesem Tag nicht ans Pult - obwohl er außenpolitischer Sprecher der Unionsfraktion ist. Aber den Ausgang der Abstimmung, den wird auch er mitbestimmen. Als Lamers während der Unterbrechung aus dem Plenum kommt, gibt er zu: Er ist erleichtert. Wichtig ist ihm, dass die Mehrheit der Union mitmacht. Auf die genaue Zahl scheint es ihm nicht mehr anzukommen.

Dabei hatte sich über dem 66-jährigen Rheinländer noch wenige Stunden zuvor der Zorn seiner Fraktion entladen: Friedrich Merz attackierte in der Sitzung am Abend vor der Abstimmung jene Kollegen, die ihm die Arbeit schwer gemacht hätten. Merz nannte keine Namen. Aber jeder wusste, wer gemeint war. Der heftige Applaus muss schmerzlich gewesen sein für Lamers. So wie die Attacken von Verteidigungspolitikern, die ihm vorwarfen, er habe verhindert, dass die Union dem Kanzler beim Pokern um ihr Ja einen größeren Erfolg abtrotzen konnte.

Aber das Spiel kennt Lamers, der von den eigenen Leuten nicht zum ersten Mal für seine Überzeugung Prügel bezieht. Vor allem er hatte sich gegen den Kurs von Merz und Merkel gestellt, der die Union ins außenpolitische Abseits zu führen drohte. "Ich habe versucht, mich so zu verhalten, dass ich die anderen nicht zu sehr provoziere", sagt er. So hatte er eben nicht angekündigt, dass er notfalls alleine mit der Regierung stimmen würde. Er regte nur an und führte Argumente auf. Aber provoziert hat er doch in seiner Leidenschaft. Und gewirkt. Jetzt pflegen manche eine Dolchstoßlegende. Lamers ist der Sündenbock. "Das muss ich ertragen", sagt er mit einem fast schelmischen Lächeln. Viel wichtiger ist ihm, dass er mitgeholfen hat, im letzten Moment ein Abdriften der Volkspartei in der Außenpolitik zu verhindern.

Schon am Montag hatte Lamers gespürt: "Ich bin viel mehr auf Linie, als ich zu hoffen gewagt hatte." Nicht er, sondern Volker Rühe hatte sich von der Partei entfernt. Da waren gerade die Berichte über die Tagung der nordrhein-westfälischen CDU-Kreisvorsitzenden vom Wochenende erschienen, bei der Lamers gesprochen hatte. Vielleicht verdankt es die CDU einem glücklichen Zufall, dass diese Tagung ausgerechnet im rheinischen Bonn stattfand - dort ist die Bindung an den Westen traditionell stark. Jedenfalls stützte dort eine Mehrheit die Argumente von Lamers. Und diese Nachricht wirkte wieder in die Partei.

Aber am Montagabend wusste Lamers nicht, ob die Regierung seine leidende Partei durch ein Entgegenkommen erlösen würde. Das erfuhr er erst, nachdem die Union bis Mitternacht im Kanzleramt verhandelt hatte. Als er dann am Dienstagmorgen ein Fernsehinterview gab, spürte jeder, dass ihm ein Stein vom Herzen gefallen war.

Stunden später in der Fraktionssitzung war die Stimmung gereizt. Manche Abgeordnete hatten noch am Tag zuvor in ihren Wahlkreisen die Linie der Führung vertreten. Auch deshalb taten sie sich dann schwer, den Weg zurückzufinden. Aber immerhin konnte nun die Mehrheit dorthin zurückkehren, wo sie eigentlich zu Hause ist. Karl Lamers, als Avantgardist gerne voraus, hat den innerparteilichen Streit schon hinter sich gelassen und erinnert an größere Aufgaben: "Der Hintergrund für die Auseinandersetzung in unserer Fraktion ist die Tatsache, dass wir insgesamt noch kein rechtes Verständnis für die außenpolitische Rolle Deutschlands entwickelt haben." Aber dann muss er schon wieder ins Plenum.

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