Zeitung Heute : Mazedonien: In sehr geheimer Mission

Stephan Israel

Das Ziel bleibt bis zum Schluss geheim. Shorts sind verboten und langärmlige T-Shirts Vorschrift. So viel ist bekannt: Die Nato bringt zum Auftakt der Operation "Bedeutende Ernte" eine kleine Gruppe von Journalisten zur ersten Sammelstelle für die Waffen der albanischen Rebellen. Man wird im Hubschrauber über die Frontlinien in eines der Territorien der so genannten Nationalen Befreiungsarmee (UCK) fliegen. Von Skopje geht es mit dem Autobus zum Flughafen Petrovec außerhalb der Stadt. Abwechselnd starten und landen dort zivile Linienflüge und die schweren Transportmaschinen der Nato. Mazedonien ist noch immer irgendwo zwischen Krieg und Frieden. Die Nato will mit dem Werbeausflug für zwei Dutzend Journalisten die Skeptiker davon überzeugen, dass Mazedonien nun auf dem Weg Richtung Frieden ist und die freiwillige Entwaffnung der albanischen Rebellen eine Erfolgsgeschichte sein wird. Dabei forderte der Einsatz schon sein erstes Todesopfer: Ein britischer Soldat erlag gestern Nacht seinen schweren Kopf-Verletzungen, nachdem Jugendliche den Geländewagen, in dem er saß, von einer Brücke mit Betonbrocken beworfen hatten.

Zum Thema Online-Umfrage: Soll sich die Bundeswehr am Mazedonien-Einsatz der Nato beteiligen?
Chronologie: Auslandseinsätze der Bundeswehr
Hintergrund I: Die NATO-Operation "Essential Harvest"
Hintergrund II: Tote bei Friedensmissionen auf dem Balkan.
Die Aufgaben: Was die Bundeswehr in Mazedonien erwartet.
Die Beteiligten: Welches Land wieviel Soldaten nach Mazedonien schickt Zwei britische Armeehubschrauber landen auf dem Flugfeld, laden die Vertreter der mazedonischen und der internationalen Medien auf. Im Tiefflug geht es über Weiden und Äcker, von der Sonne goldgelb gefärbt. Nach wenigen Minuten die Stellungen der mazedonischen Regierungstruppen und kurz darauf schon die Schützengräben der UCK-Kämpfer. Auf den Feldern hinter der Frontlinie liegen tote Kühe, in der Hitze längst verwest, auf Knochen und Fell reduziert. Dann die ausgebrannten Häuser der Rebellenhochburg Matejce, im Artilleriehagel der Regierungstruppen zerstört. Das Geheimnis um das Ziel wird erst bei Ankunft gelüftet: Die beiden Hubschrauber gehen am Rande des Weilers Otlja vor einer kleinen Fabrikhalle nieder. Französische und britische Nato-Soldaten haben das Gelände abgeriegelt. In einer braunen Pfütze tummeln sich ein paar Kinder aus dem Ort, scheinbar unbeeindruckt von den Ereignissen. Sonst sind keine Bewohner von Otlja zu sehen. Die Medienschar wird ohnehin direkt zur offenen Fabrikhalle geführt. Am Eingang stehen zwei große Sattelschlepper mit den noch leeren Containern. Die Fracht wird drinnen sortiert, registriert und schließlich säuberlich verpackt. Philip Bras, General der französischen Fremdenlegion, lobt die "ausgezeichnete Kooperation" mit den Rebellen. Bilanz will er zwar erst am Ende der Operation ziehen. Doch der Anfang entspreche voll den Erwartungen. Auch der britische Major Alexander Dick spricht bei der Besichtigung der eingesammelten Waffen von einer "erfolgreichen Operation".

Rund 400 Waffen haben die Rebellen am ersten Tag der Sammelaktion abgegeben. Darunter viele alte Gewehre, aber auch eine größere Zahl fabrikneuer Kalaschnikows (AK47), Maschinengewehre, Panzerfäuste, Minen und Handgranaten. Ein Drittel ihrer Waffen, sagt Major Dick, hätten die Rebellen in der Region Kumanovo bereits ausgehändigt. Das Kriegsgerät liegt in Reih und Glied auf dem Fabrikboden ausgebreitet. An Holztischen registrieren britische Soldaten mit ernster Mine die ersten Gewehre. Kollegen packen die Schießeisen am Nebentisch in weiße Plastiktüten, die zugeschnürt und in Holzkisten gestapelt werden. Wie auf einen Regiebefehl hin tauchen schließlich auch die beiden UCK-Kommandanten Spati und Kitra auf. Beide kommen in Uniform, mit Handy und Pistole am Hosengurt, begleitet von einem finster blickenden Leibwächter. "Ja, wir haben ein Drittel unserer Waffen abgegeben", sagt Rebellenführer Spati. Das restliche Kriegsgerät will man in den nächsten Wochen in der Halle deponieren, wenn auch die mazedonische Seite ihren Verpflichtungen nachkommt und die Reformen zugunsten der albanischen Minderheit im Parlament verabschiedet. "Wir wollen ohne Waffen wieder ein normales Leben führen", stimmt Kommandant Spati in den optimistischen Tenor ein. Ein Journalist von der albanischen Zeitung "Fakti" lobt die Bereitschaft der Rebellen, traut aber "nach wie vor den mazedonischen Falken nicht". Das mazedonische Staatsfernsehen und die mazedonische Zeitung "Dnevnik" werden hingegen berichten, dass die Nato-Operation "ein Witz" sei und die Rebellen nur museumsreifes Kriegsgerät ausgeliefert hätten.

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