Zeitung Heute : Mazedonien: Rebellen im Reisebus

Stephan Israel

Am Tag danach werden die Scherben zusammengefegt. Es ist eine ungemütliche Ruhe, die da in Mazedoniens Hauptstadt zurückkehrt. Im Erdgeschoss des Parlamentsgebäudes von Skopje haben sie in der Nacht auf Dienstag alles kurz und klein geschlagen. Seltsamerweise haben die nächtlichen Eindringlinge allerdings ausgerechnet das Büro von Präsident Boris Trajkovski im ersten Stock verschont. Dabei hatte doch die ganze Wut der Demonstranten draußen vor dem Parlamentsgebäude ihm gegolten, dem Staatsoberhaupt. Lauthals forderte die Menge seinen Rücktritt und verbrannte Fotos von Trajkovski. Auch Fahnen mit dem Nato-Signet und ein in der Nähe geparktes Fahrzeug der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE) gingen in Flammen auf. Der Mob zeigte sein hässliches Gesicht. "Albaner in die Gaskammern", skandierte die Menge und "Gebt uns Waffen". Zeitweise waren es mehr als 10 000 Demonstranten.

Was war der Auslöser für die beunruhigende Entwicklung in dem seit drei Monaten Schritt für Schritt eskalierenden Konflikt? Es klingt paradox, aber es ist der friedliche Abzug von mehreren Hundert albanischen Rebellen aus dem Vorort Aracinovo, der die slawische Mehrheit im Land empört. Vermittler der Nato haben am Montag den Rückzug der Männer der so genannten Nationalen Befreiungsarmee (UCK) erreicht. Die mazedonischen Regierungstruppen hatten zuvor mit einer neuen Offensive erfolglos versucht, die "Terroristen" aus dem Vorort zu vertreiben. Ein Rebellenkommandant hatte im Gegenzug mit Angriffen auf die Hauptstadt und den nahen Flughafen gedroht. Die Nato hatte auch ein eigenes Interesse, den Deal für Aracinovo einzufädeln: Sie braucht den Flughafen und die Autobahn in Reichweite der Rebellen für die Versorgung der Kosovo-Friedenstruppe.

Die slawischen Mazedonier waren vor allem über die Umstände des Deals wütend. Die Rebellen durften mit ihren Waffen abziehen und sich in anderen Gebieten, die von der UCK kontrolliert werden, neu sammeln. Die rund 300 Albanerrebellen seien in klimatisierten Bussen der Kfor aus Aracinovo weggefahren, empören sich am Dienstag in Skopje die Zeitungskommentatoren. US-Soldaten sowie britische und italienische Angehörige der Kfor sollen die Evakuierung abgesichert haben. Zivilisten errichteten am Montag Straßenblockaden und zwangen den Konvoi mit dem Segen der Nato zu großen Umwegen.

Am Dienstag weiß niemand so genau, wo die Rebellen von Aracinovo gelandet sind. Der Deal, vielleicht gut gemeint, hat neues Öl ins Feuer gegossen: Die Mehrheit der mazedonischen Bevölkerung sieht sich in ihrem Urteil bekräftigt, dass die internationale Gemeinschaft aus "Albanerfreunden" besteht, sie fühlt sich im Kampf gegen die albanischen "Terroristen" verraten.

Andere wiederum sehen sich um den Sieg über die UCK betrogen. Der Menge vor dem Parlamentsgebäude haben sich auch Polizei- und Armeereservisten angeschlossen. Selbst Angehörige einer Sondereinheit, die das Parlament schützen sollten, solidarisierten sich mit den Demonstranten. Jeder Überläufer wurde mit Applaus empfangen, und es wurde in die Luft geschossen. Innenminister Ljube Boskovski, der als Falke in der Regierung gilt, zeigte in seinem Worten an die Menge Verständnis: "Der Frieden kann nur wieder hergestellt werden, wenn wir das Land von den Terroristen säubern." Vergangene Woche hatte der Innenminister in Skopje die Verteilung von angeblich rund 7000 Waffen an Zivilisten angeordnet. Doch mit seinem Anbiederungsversuch kam auch Ljube Boskovski in der Nacht zum Dienstag nicht an - er wurde von der Menge zurück ins Parlamentsgebäude gejagt.

Am Tag nach der unruhigen Nacht fürchten sich alle vor dem nächsten Sturm. Die ersten Anzeichen verheißen nichts Gutes. Am Dienstag liefern sich Regierungstruppen und Rebellen im Westen von Tetovo neue Gefechte. Die Regierung steht von zwei Seiten unter massivem Druck: Die EU dringt auf militärische Zurückhaltung und eine politische Lösung. Die radikalisierte slawische Bevölkerung jedoch verlangt, dass Armee und Polizei mit den "Terroristen" aufräumen, anstatt bei deren Abzug Spalier zu stehen.

In einem gemischt albanisch-slawischen Stadtteil von Skopje kursiert unterdessen ein Pamphlet, das die Zivilbevölkerung in Schrecken versetzt. Eine Gruppe, die sich den ominösen Namen "Mazedonische Paramilitärs 2000" gegeben hat, ruft alle Albaner auf, den Stadtteil zu verlassen. Mazedonier sollen nicht mehr bei albanischen Ladenbesitzern einkaufen. Es heißt, für jeden getöteten mazedonischen Soldaten oder Polizisten würden 100 Albaner getötet. Die mazedonischen Ladenbesitzer werden aufgefordert, das Flugblatt gut sichtbar im Schaufenster auszuhängen. Wer der Aufforderung nicht folge, so lautet die unverblümte Warnung, mache sich selbst zur Zielscheibe.

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