McCain : Der Weise und die Weltmacht

Die wichtigste Eigenschaft des neuen Präsidenten? – "Er sollte sehr, sehr alt sein", sagt der Republikaner-Kandidat John McCain. Er selbst ist 71. Doch bei den Fragen, die ihm bald gestellt werden, wird Ironie allein nicht helfen.

Christoph Marschall[Alexandria Virginia]
McCain
Der Alterswilde. John McCain fühlt sich bereit zum Duell. -Foto: AFP

John McCain nimmt gern seine Mutter zu Wahlkampfveranstaltungen mit. Zum „Town Hall Meeting“ in Alexandria, Virginia, beispielsweise. Denn sie ist ein unbezahlbarer Trumpf, ein wandelndes Gegenargument, eine Art Impfstoff gegen seine wohl gefährlichste Schwäche in jenem Duell um die US-amerikanische Präsidentschaft, das nun – nach der langen, zermürbenden und am Ende Überdruss auslösenden Kandidatensuche des politischen Gegners, der Demokratischen Partei – endlich bald beginnen wird.

Roberta McCain ist 96 Jahre alt, weißhaarig, kerzengerade steht sie da in Alexandria, neben John McCains Ehefrau Cindy und der Enkelin Meghan. Beim Anblick der drei Generationen ist nicht von vornherein ausgemacht, welche von ihnen gerade in der besten Form ist. Am Muttertag ließ McCains Wahlkampfstab ein Video verbreiten, in dem Roberta ihren Sohn als den besten denkbaren Präsidenten preist – mit klarer, resoluter Stimme, die kein Alterszittern erkennen lässt. Die Berater des republikanischen Kandidaten finden es offenbar auch förderlich, wenn Enkelin Meghan Verfehlungen ihrer Großmutter ausplaudert: „Sie fährt gerne schnell. Neulich ist sie in Arizona mit 112 Meilen geblitzt worden.“ Das wären 180 Stundenkilometer, weit jenseits des erlaubten Limits, aber zugleich zählt es wohl als Indiz fürs Junggebliebensein. Und das ist der Punkt. Denn John McCains entscheidende Wahlkampfschwächen sind sein Alter und die Zweifel an seiner Gesundheit.

Am Wahltag wird McCain 72 sein, noch nie hatten die USA einen bei Amtsantritt älteren Präsidenten. Und ihm ist anzusehen, dass er Gesundheitsprobleme hat. In fünf Jahren Kriegsgefangenschaft in Vietnam sind ihm Knochen gebrochen worden. Er kehrte auf Krücken heim, bis heute kann er die Arme nicht über den Kopf heben. Später kam Hautkrebs hinzu.

Die Aufritte der Mutter in seinem Wahlkampf sollen also die Botschaft an Amerikas Wähler aussenden: Schaut her, ich habe gesunde Gene, ihr müsst keine Angst haben, dass ich im Amt sterbe. John McCain verstärkt das Signal, so oft er kann, mit viel Selbstironie. Auf die Frage in einer Talkshow, welches die wichtigste Eigenschaft für den nächsten Präsidenten sei, antwortete er kürzlich: „Er sollte sehr, sehr alt sein.“ Vor wenigen Tagen hat er ausgewählten Journalisten Einblick in seine Krankenakten seit 2001 gewährt. Kopien durfte allerdings niemand anfertigen.

John McCain hat bei seiner Bewerbung um das Weiße Haus noch mit etlichen Problemen mehr zu kämpfen. Doch bisher haben ihn die Medien weitgehend verschont. Die richteten ihre Aufmerksamkeit – und damit die der Öffentlichkeit – fast ausschließlich auf das ungewöhnlich lange Duell bei den Demokraten, Hillary Clinton gegen Barack Obama. Für McCain hatte das zwar den Nachteil, dass es ihm schwerer fiel, die Bürger mit seinem Programm bekannt zu machen. Aber es war zugleich ein Vorteil, denn was bisher an Affären und problematischen Verbindungen des Kandidaten McCain bekannt wurde, hat viele Amerikaner nicht wirklich erreicht.

Das wird sich nun ändern. Und es wird wohl ein Bild von ihm entstehen, von seinen Stärken und Schwächen, das dem einnes anderen sehr ähnelt. Barack Obama.

Auch McCain hat ein Pfarrer-Problem, und auch er kann wichtige Kerngruppen seiner Partei nicht für sich begeistern. Anders als Obama freilich kann er keinen Anti-Bush-Wahlkampf führen, sondern muss eine Balance im Verhältnis zum unpopulären Präsidenten wahren: genug Abstand, um unabhängige Wähler zu gewinnen, aber keine totale Abwendung, um Bush-treue Republikaner nicht zu vergraulen. Aus all dem ergeben sich Risiken.

Ende Februar war McCain gemeinsam mit dem populären Fernsehprediger John Hagee in Texas vor die Kameras getreten. Stolz nahm er dessen Wahlempfehlung entgegen. McCains Kirchenferne ist zwar bekannt, und vor Jahren hatte er Geistliche mit ähnlicher Weltanschauung wie Hagee – der ist evangelikaler Christ – noch „Agenten der Intoleranz“ genannt. Aber nun brauchte er dessen Unterstützung, denn Bush hatte seine Siege 2000 und 2004 im Wesentlichen ebendiesen Evangelikalen, der „Religiösen Rechten“, zu verdanken.

Kurz darauf machten problematische Hagee-Zitate die Runde. Hagee hatte die katholische Kirche in einem Buch „die schlimmste Hure der Weltgeschichte“ genannt. Zunächst weigerte sich McCain, sich von Hagee loszusagen. Er betonte nur, Hagees Wahlempfehlung für McCain bedeute noch nicht, dass McCain umgekehrt alle Hagee-Äußerungen teile. Doch da ging es ihm nicht besser als Obama mit seinem Pfarrer Jeremiah Wright und dessen unpatriotischen „God damn America!“-Predigten.

Auch McCain kann Hagee und seine kruden Aussagen nicht so einfach abschütteln. Als Ende Mai bekannt wurde, dass Hagee Hitler als Werkzeug Gottes bezeichnet hatte, der mit dem Holocaust Gottes Wille erfüllt habe – nämlich, die überlebenden Juden durch Todesgefahr und Vertreibung zurück ins Heilige Land zu jagen –, suchte McCain den Notausgang und sagte, er wolle mit Hagee nichts mehr zu tun haben. Der wird ihn dennoch weiter verfolgen. Nun ging durch die Schlagzeilen, dass Senator Joe Lieberman, ein enger Freund und Unterstützer McCains, einen Auftritt bei einer Hagee-Konferenz zugesagt hat.

McCains Stärken und Schwächen sind zwei Seiten der selben Medaille. Er ist ein moderater Republikaner. Mit seinem unabhängigen Geist spricht er die Mitte und die Wechselwähler an. Aber er braucht ebenso die Unterstützung der rechten Republikaner. Nur wenn ihm beides zugleich gelingt, kann er die Hauptwahl am 4. November gewinnen.

Die Umfragen geben ihm gute Chancen. Obwohl Präsident Bush so unbeliebt ist – nur 30 Prozent der Bürger stehen noch hinter ihm – und obwohl die Wähler derzeit den Demokraten generell mit 53 zu 32 Prozent den Vorzug vor den Republikanern geben, liegt McCain im direkten Vergleich fast gleichauf mit Obama. Im Schnitt der Umfragen führt Obama mit zweieinhalb Prozent, Clinton läge als Kandidatin ein Prozent vor McCain; beide Zahlen bewegen sich freilich im Fehlerbereich der Umfragen.

Die Demokraten bemühen sich deshalb, McCain eng an Bush zu ketten. Seine Präsidentschaft, sagen sie, wäre nichts anderes als eine dritte Amtszeit des unpopulären George W.

John McCain versucht, genau diesen Eindruck zu vermeiden. Mehr als 80 Tage lang hat er sich nicht gemeinsam mit dem Amtsinhaber blicken lassen, von Anfang Februar bis Ende Mai. Andererseits ist er Bush dankbar, wenn der für ihn Wahlkampfspenden eintreibt, denn da ist Obama ihm um viele Millionen Dollar voraus. Daraus ergeben sich bisweilen absurde Situationen. Am letzten Dienstag zum Beispiel baten Bush und McCain vermögende Anhänger in Arizona gemeinsam um Geld. Aber hinter verschlossenen Türen. Ihr Fototermin am Flughafen dauerte nicht einmal eine Minute. Wenn McCain schon gezwungen ist, Bushs Hand zu ergreifen, dann bitte nur mit weit von sich gestrecktem Arm.

Auch sonst muss der Kandidat zwischen fast gegensätzlichen Rollen wechseln und manchmal mit gespaltener Zunge sprechen, je nachdem, vor welchem Publikum er gerade auftritt. Was die eine Zielgruppe, die Mitte der Gesellschaft, attraktiv findet, schreckt die andere im rechten Spektrum ab – und umgekehrt.

In West Virginia machte McCain Mitte Mai in einem Laden für Freizeitausrüstung und Jagdwaffen einen großen Bogen um die ausgestellten Gewehre und kaufte nur Angelzeug. Viele Fernsehkameras waren eingeschaltet, er wollte in der breiten Öffentlichkeit nicht als Waffennarr dastehen. Wenige Stunden später redete er in Kentucky vor Mitgliedern der National Rifle Association – der Nationalen Schusswaffenvereinigung. Dort versprach er, das Recht auf ungehindertes Waffentragen zu verteidigen, und spottete über Obama, der angeblich keine Ahnung davon habe, mit welchem Gewehr man auf die Entenjagd gehe.

McCain ist nicht der Wunschkandidat seiner Partei. Aus der Sicht der Linientreuen ist er zu moderat, wettert zu wenig gegen Sittenverfall, Abtreibung und Homosexuellenehe, lobt weder Gott oft genug noch die Vereinigten Staaten als sein auserwähltes Land. Und er hält Reden für den Klimaschutz, obwohl rechte Republikaner die Erderwärmung für eine Erfindung liberaler Medien halten. Als McCain im März die Delegiertenmehrheit für die Nominierung sicher hatte, verweigerten ihm weiter viele Konservative die Unterstützung. Normalerweise ist das der Zeitpunkt, ab dem sich die Partei geschlossen hinter ihren Spitzenmann stellt, um ein Signal der Einheit auszusenden. Doch bei fast allen Vorwahlen im April und Mai stimmten 20 bis 30 Prozent der beteiligten Republikaner für andere Kandidaten, obwohl die längst ausgeschieden waren. Das ist ein Misstrauensvotum gegen McCain. Und mit Blick auf die Hauptwahl vergleichbar mit Obamas Schwäche unter weißen Arbeitern und Hispanics.

Zudem hat McCains Heldenimage jüngst Kratzer erlitten. Es speist sich aus zwei Quellen. Erstens gilt er als Kriegsheld und Patriot. In Vietnam war er als Marinepilot abgeschossen worden und erst Jahre später aus der Gefangenschaft heimgekehrt. Zweitens ist er ein „Maverick“, ein Politiker, der sich nicht nach Parteiideologie oder Opportunität richtet, sondern seinen Überzeugungen folgt.

Er hat gegen Bushs Steuererleichterungen gestimmt, weil sie aus seiner Sicht ein ausgeglichenes Budget verhindern. Heute verspricht er freilich, diese Steuererleichterungen beizubehalten, um die Wirtschaft anzukurbeln. Er hat sich Bush widersetzt, als der die Folter von Terrorverdächtigen genehmigen wollte. Und er gibt den Vorkämpfer im Senat gegen den Einfluss von Lobbyisten und Großspendern auf die Politik. Nun musste er binnen weniger Wochen bereits den fünften hohen Mitarbeiter seines Wahlkampfteams entlassen, nachdem herausgekommen war, wie eng deren Verbindungen zu Lobbyisten waren.

Festhalten allerdings, seine Standfestigkeit beweisen, das konnte er beim Thema Irak. 2007, als der Krieg selbst unter Republikanern unpopulär wurde, trat McCain unverdrossen für eine Truppenverstärkung ein. Das kostetet ihn fast die Kandidatur, die Spenden blieben aus, vor einem guten Jahr war seine Kampagne Pleite. Dann besserte sich die Lage im Irak, die Zahl der Anschläge und der Toten ging zurück. McCain war rehabilitiert.

So würde er den Wahlkampf gerne führen: als weiser Mann, der Amerikas Sicherheit garantiert. Als erprobter Außen- und Sicherheitspolitiker, der mit den Gegnern hart und dennoch fair umgeht und neue Rüstungskontrollverträge mit Russland anstrebt. Alter ist Erfahrung – und jemandem, der keine hat die Weltmacht Amerika anzuvertrauen ist verantwortungslos.

Die Demokraten wollen, dass es die Wähler gerade umgekehrt sehen: Ihr Favorit Obama hat die frischeren Ideen und die größere Energie, er ist der Präsident der Zukunft, McCain ein Mann der Vergangenheit.

Beim Gedanken an künftige Fernsehduelle McCains gegen den 25 Jahre jüngeren Obama wird manchen Republikanern bange. Als optischer Eindruck könnte der Gegensatz zwischen einem sportlichen, energiegeladenen 47-Jährigen und einem alten Mann mit weißem Haar, Narben und geröteter Gesichtshaut haften bleiben. McCain muss versuchen, Obama inhaltlich klar zu schlagen, ihn als Risiko darzustellen.

Beide haben zwar versprochen, dass sie keinen negativen Wahlkampf mit schmutzigen Attacken gegeneinander führen wollen. Aber problematische Pfarrer, Lobbyistennähe, Abzug oder Standfestigkeit im Irak, Nähe oder Ferne zum unbeliebten Amtsinhaber, das werden in den kommenden Wochen gewiss die Themen sein, mit denen sich McCain mehr denn je wird auseinandersetzen müssen. Und das wird schwer genug. Notfalls aber, wer weiß, wird Roberta wieder ein gutes Wort für ihren Sohn einlegen.

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