Zeitung Heute : McKinsey war da

Was die Beraterfirma in Rolf Hochhuths Theaterstück „McKinsey kommt“ erlebte

Torsten Hampel[Brandenburg Havel]

Als Erstes hatten sie Stillschweigen vereinbart. Wer weiß, was sie an diesem Abend alles erwarten würde, haben sie gedacht. Es waren Vorsichtsmaßnahmen zu treffen. Es war bekannt geworden, dass sie hier sein würden, Ulrich Wickert hatte es in den Tagesthemen gesagt.

Sie sind in Berlin in ihre Busse gestiegen und zum Theater nach Brandenburg an der Havel gefahren. Sie hatten Wachmänner besorgt, zwei für die Eingangstür, der dritte stand auf dem Weg zum Zuschauersaal. Da hatten sie schon die türkisblauen Erkennungsbändchen an den Handgelenken, jeder hat seines persönlich entgegengenommen. Kein Fremder, keiner ohne Band sollte mit hinein. Es sollte keinen Ärger geben. McKinsey war gekommen.

Die Unternehmensberatungsfirma McKinsey hat einen kompletten Zuschauersaal gebucht für Freitagabend, die Angestellten wollen sich ein Stück ansehen, das den Namen ihrer Firma im Titel trägt und in dem es auch um sie geht. Das Stück heißt „McKinsey kommt“ und ist von Rolf Hochhuth. Es hatte seine Uraufführung eine Woche zuvor.

Sie kommen schlecht weg in dem Stück, Hochhuth hat sich für den dritten Akt eine Szene ausgedacht, in der zwei Zigarettenkonzernmanager darüber reden, neun Prozent ihrer Arbeiter zu entlassen. Der eine will, der andere nicht, und weil der eine der Oberchef ist, sagt er, wenn du nicht mitmachst, dann mach ich’s eben ohne dich, ich hole mir McKinsey ins Haus, und danach, mein Lieber, sind allerdings 15 Prozent der Leute ihre Arbeit los.

Der Mann, der hier ist, weil sie hier sind, hat sich vor ihnen aufgestellt, er trägt einen grauen Anzug, die Jacke hat er über die Schultern gelegt, er hält ein Mikrofon vor dem Mund und er sagt, dass er sich über den Besuch der McKinseys freue und dass er gespannt darauf sei, was sie von seinem Stück halten werden. Und er sagt: „Jeder, der auf Dauer keine Arbeit hat, kriegt Krebs. Das ist nicht zu leugnen.“ Sie sehen ihn an, den Großerfolgsdramatiker Rolf Hochhuth, so sieht er sie also. Er denkt, sie bringen den Leuten den Krebs. Das ist alles. In den nächsten beiden Stunden werden dann die Konsequenzen daraus behandelt. Der Vorhang geht hoch.

Dauernd wird debattiert auf der Bühne, über eine Sache: Ist es gerecht, dass ein Unternehmen ausgerechnet dann wertvoller wird, nachdem es Leute entlassen hat? Das Leid der einen das Glück der anderen? Als Kronzeuge dient die Deutsche Bank, die im Jahr 2000 11000 Menschen entließ und gleichzeitig den Rekordgewinn ihrer Geschichte machte. Aber im Grunde geht es im Stück darum: Darf der Profit der Maßstab für den Erfolg eines Firmenchefs sein? Und wenn es so ist, darf man ihn dafür töten?

Kaum einer im Saal ist älter als 35. Sie tragen Anzüge, aber keine Krawatten, Kostüme, Jeans, Pullover, Blusen. Keine Uniform. Sie beobachten das Stück eines wütenden Theatermannes über die Ungerechtigkeit im Kapitalismus oder die Ungerechtigkeit der Globalisierung, über Menschen, die etwas verlieren, was sie lange Zeit hatten und das ihnen viel bedeutet: die Arbeit. Sie sehen zwei Stunden lang zu mit ernsten Gesichtern, sie warten darauf, dass das Stück da vorne endlich zu ihnen kommt, dass es endlich auf Augenhöhe mit ihnen ist. Wann erzählen die endlich, dass es einen Wettbewerb gibt im Kapitalismus, dass der den Fortschritt antreibt, dass das alles nur so und nicht anders funktioniert? Wann endlich wird erzählt, dass eine durchsanierte, von Beratern oder sonst wem zu Entlassungen gedrängte Firma immer noch besser ist als eine, die im Wettbewerb scheitert? Sie warten lange. Dann ist es vorbei.

Michael Kloss, der Leiter des Berliner McKinsey-Büros, blondes welliges Haar, linksgescheitelt, steht auf und sagt: „Zwei Sachen möchte ich anmerken, Herr Hochhuth“. Erst einmal sagt er, dass er froh ist, in einem Land zu leben, in dem politisches Theater möglich ist und dass er und seine Kollegen selten die Möglichkeit haben, so eine Inszenierung zu sehen, und es bleibt unklar, ob er damit eine Stadttheateraufführung in einem Ort wie Brandenburg meint oder ihre generelle Zeitbeschränkung. Und dann sagt er: „Es ärgert uns, dass Sie uns nicht angesprochen haben, wo wir doch in Ihrem Stück vorkommen, das entsetzt uns ein wenig.“ Er macht eine Pause. Und sagt dann: „Die permanente Aufforderung zur Gewalt in Ihrem Stück, die ist fast schon obszön.“

Hochhuth steht wieder vor ihnen, den Vorhang im Rücken, er schaut auf die aufsteigenden Stuhlreihen, die graue Anzugjacke immer noch über die Schultern gelegt, und er sagt, dass er abbilde, was ist. Sonntags gebe es im Theater immer Gesprächsrunden, und letzten Sonntag sei ein Mann dagewesen, habe er gehört, der sei mal arbeitslos gewesen, und der habe gesagt, dass er in dieser Zeit manchmal hätte töten können. Er, Hochhuth, schaue darauf wie ein Historiker. Diese Dinge, diese Gedanken seien nun mal in der Welt, und dass Menschen andere Menschen töten, das könne man eben verstehen oder für amoralisch halten, aber es ändert nichts daran, dass es passiert.

Michael Kloss, er hat sich gesetzt nach seiner kleinen Rede, steht wieder auf, „Wir können so nicht weiterdiskutieren mit Ihnen, Herr Hochhuth“, sagt er, „das wird sonst zu emotional“, Hochhuth sagt „was haben Sie gegen Emotionalität im Theater?“, aber da hat Kloss schon seine Geste gemacht, mit den Armen hat er seinen Kollegen bedeutet, es ist so weit, wir stehen auf und gehen.

Es gibt eine Stelle in dem Drama, ein Sonett mit dem Titel „Warnung“, es geht darin um Josef Ackermann von der Deutschen Bank, um sein Gehalt und die Entlassenen und den Profit. Es ist eine Abwägung, wie ist das mit der Selbstjustiz, darf man jemanden töten und so weiter, manche sagen auch, es ist eine Aufforderung dazu. Der Schauspieler hat vorhin eine lange Pause gemacht und immer wieder ungläubig auf den Text geschaut, den er da rezitierte. Das sollte das Unglaubliche an diesen Worten darstellen. Dann hat er gesagt: „Schleyer, Ponto, Herrhausen warnen.“

McKinsey hat sie beraten, Pontos Dresdner Bank, Herrhausens Deutsche. Die Berliner McKinsey-Leute haben gerade ein Theaterstück gesehen, dass auch den Mord an ihnen rechtfertigen würde. Indirekt. Irgendwie.

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