Zeitung Heute : Meckern lernen

Susanne Kippenberger

Wie eine Westberlinerin die Stadt erleben kann

Früher hat man einen Tag lang Geburtstag gefeiert, heute dauert ein Geburtstag ein ganzes Jahr. Ob Mozart oder Freud, Monate vorher sind Buchläden und Zeitungen voll mit dem Geburtstagskind und wenn der ganz große Rummel endlich verklungen ist, feiert man ganz gemütlich noch ein bisschen nach.

So wie bei Samuel Beckett: Im April hat er 100. Geburtstag gehabt, jetzt ist im Literaturhaus die Ausstellung über seinen Besuch in Berlin zu sehen, der nicht unbedingt gelungen war: Hildesheim fand er schöner. Weder vor dem Berliner Pfannkuchen (für Beckett ein gewöhnlicher Windbeutel mit Marmelade drin) noch vor dem Pianisten in der Philharmonie hatte er Respekt: „eine glatte Null, wahrlich erdig, fuchtelt herum, als ob er ein paar Socken bei Harrods verkaufen würde“.

Den Himmel über Berlin fand er eindeutig schöner als die Stadt darunter, vor allem aber hatte es die deutsche Sprache dem Iren angetan. Mit Vergnügen sammelte der spätere Literaturnobelpreisträger hübsche Wörter und nützliche Redewendungen: „Postlagernd. Es herrscht eine Hundekälte. Sie sind falsch verbunden. Zunächst. Der Mucker. Die Muckerei. Das Muckertum.“ Was, so fragt man sich, hat der Mann in Berlin im Jahre 1936 getrieben? Wenn man durch die Ausstellung geht, hat man das Gefühl, er sei von morgens bis abends nur ins Museum gegangen und habe zwischendurch schlecht gegessen („unspeakable Eintopf, pfui!“).

In Erika Tophovens Buch „Becketts Berlin“ erfährt man etwas mehr über des Autors mögliche Quellen, die Gespräche mit dem Wirt und den Gästen seiner Pension am Zoo, über die er natürlich auch zu schimpfen wusste – das Bett war zu kurz und der Aufzug „very complicated“. Zu gern hätte ich noch mehr von des Autors Bosheiten im Original gelesen. Von Beckett lernen, heißt meckern lernen.

Literaturhaus, Fasanenstr. 23, bis 10. 9. mit reichhaltigem Begleitprogramm. Heute eine Aufzeichnung von Becketts eigener Inszenierung des „Endspiels“ am Schiller-Theater. „Becketts Berlin“, Nicolai Verlag, 24,90 Euro.

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