Zeitung Heute : Mecklenburger Seenplatte: Nur die Angler sitzen reglos

Klaus Thiele

"Ein Hechtloch", sagt Skipper Dieter Gerdes und deutet in Richtung Ufer. Nahe Schloss Klink wimmelt es von kleinen Booten, in denen regungslos Angler sitzen. Die Müritz ist dort um die 20 Meter tief, ein Platz für Hechte eben. Sonst gibt es im "Kleinen Meer" Mecklenburgs tückische Untiefen. Man hält sich also besser strikt an die roten und grünen Fahrwassertonnen. Bei starken Westwinden ist Flucht in den nächsten Hafen angesagt, denn dann wird die Müritz wirklich zum stürmischen Meer. Deshalb braucht ein Freizeitkapitän, der sie mit Motorjacht oder Hausboot überqueren will, grundsätzlich den "Sportbootführerschein Binnen" - oder er muss für einen Tag einen Skipper anheuern. "Bisschen Ahnung muss schon sein", meint Dieter Gerdes. Er verleiht Jachten, für die man auch auf dem Rest der Mecklenburgischen Seenplatte das Patent braucht. Man könne es am Urlaubsbeginn in drei Tagen für rund 200 Euro erwerben, meint der Charter-Experte.

Leichter geht es mit dem Hausboot. Da genügt - außer für die Müritz-Überquerung - der Charterbootschein. Er gilt für Boote, die auf zwölf Stundenkilometer gedrosselt sind, maximal 13 Meter lang sind und höchstens zehn Personen an Bord haben. Den Schein gibt es unbürokratisch vom Bootsvermieter nach drei Stunden theoretischem Unterricht. Dabei lernt der Bootsurlauber vor der Einweisungsfahrt, wie er die mitgelieferte Gewässerkarte liest, die Markierungstonnen auf der richtigen Seite umfährt oder wie er sich beim Anfahren einer Schleuse zu verhalten hat. Dann darf der Süßwasserkapitän auf die Reise über 1000 Seen gehen.

Und das mit dem Charterschein klappt so einfach? "Bisher hat es nur einer nicht gepackt", lacht Dagmar Rockel. Auch sei die Zahl der Havarien nicht gestiegen, seit im Jahre 2000 der bis Ende 2002 befristete Modellversuch in Sachen Charterschein angelaufen sei. Dagmar Rockel trägt auf ihre Art zur Schadensbegrenzung bei. Sie hat einen Törnplaner und einen präzisen Törnatlas für die Mecklenburgischen und Märkischen Gewässer herausgegeben. Ihr Mann Harald Kuhnle ist Pionier in Sachen Hausbootferien im größten zusammenhängenden Wasserrevier Deutschlands. Kuhnle baute im Südosten der Müritz bei Rechlin eine ehemalige DDR-Werft zum Hafendorf Claassee aus. Neben der Marina mit eigener Bootswerft entsteht jetzt noch ein Feriendorf.

Fast 2500 Kilometer könnte der Süßwasserskipper auf Seen, Flüssen und Kanälen zurücklegen, würde er alle erreichbaren Nebenrouten ansteuern. Dann fehlten ihm immer noch die natürlich für Motorboote gesperrten Gewässer des Müritz-Nationalparks. Mittelpunkt der Seenplatte ist Waren im Norden der Müritz. Die Stadt hat sich nach der Wende prächtig entwickelt. Alter Markt, Neuer Markt mit der Löwen-Apotheke und der Stadthafen erhielten ein völlig neues (altes) Gesicht. Auf vier Einwohner kommt heute ein Restaurantplatz in dem Städtchen, von dem man bequem per Bus oder Schiff in Deutschlands größten Nationalpark gelangt.

Von Waren aus erreicht der Wasserwanderer bequem die anderen "Oberseen" - Fleesensee, Kölpinsee, Plauer See - und könnte über die Müritz-Elde-Wasserstraße bis Schwerin oder sogar Hamburg fahren. Bis dort wären es von Waren 282 Kilometer mit 17 Schleusen. In anderer Richtung hätte die Hausboot-Crew über die Müritz-Havel-Wasserstraße 182 Kilometer und 15 Schleusen bis Berlin vor sich, wo dann im Bereich der Berufsschiffer allerdings wieder das "echte" Patent benötigt würde.

Die Schleusen sind zunächst die größte Sorge des frisch angelernten Freizeitkapitäns. Nur nicht mit der schwimmenden Ferienwohnung gegen das Schleusentor brummen! Aber meist sind die Schleusenwärter nett und helfen. Wer sein Hausboot von der Marina Claassee südwärts steuert, sammelt bald mehr Erfahrung mit Schleusen als ihm am Anfang lieb sein kann. Denn in der Kleinseenplatte südöstlich der Müritz gibt es reichlich davon. An der Schleuse Mirow ist die Ferien-Crew noch nicht eingespielt, Schleuse Diemitz geht kaum noch an die Nerven, schon Schleuse Canow klappt fast perfekt.

Das Kleinseengebiet zwischen Müritz, Neustrelitz und Rheinsberg ist ein Labyrinth aus schmalen Rinnseen, runden Flachseen und kurzen Stichkanälen, eine klassische Wasserwanderroute. Am Ufer Wald, Wiesen und Sümpfe, nur wenige Siedlungen, manchmal hölzerne Pfahlbau-Bootshäuser, weit und breit keine Industrie. Hinter dem winzigen Sumpfsee geht die Fahrt durch ein längeres Kanalstück der Müritz-Havel-Wasserstraße zum Mirower See und danach in ein Gewirr aus Gewässern wie Zotzensee, Mössensee, Labussee, Canower See, Großer Pälitzsee und so weiter. Irgendwann muss der Steuermann entscheiden, ob es ihn in Richtung Schloss Rheinsberg zieht oder nach Neustrelitz mit seinen "Götteralleen".

Schon am Mirower See fällt den Hausbooturlaubern auf, dass sie völlig patentfreie Konkurrenz bekommen. Die Kleinseenplatte ist nämlich ein Dorado einer anderen Spezies von Wasserfreunden, der Kanuwanderer und Paddler. Ihr Vorteil: Mancher Nebenarm ist für Motorboote gesperrt. Und die Kanufahrer dürfen sogar bis in den Nationalpark, natürlich nur auf streng festgelegten Routen. Ihr Zelt können sie auch nur außerhalb der Schutzzone aufschlagen. Dafür gibt es im Seengebiet ausreichend Campingplätze. Wer lieber im richtigen Bett schläft, kann zum Beispiel am Freizeitsteg des Ferienparks Mirow oder beim Ferienpark am Ellbogensee anlegen, wo man günstig Ferienhäuser mieten kann.

Nicht versäumen sollten Hausboot- oder Kanufahrer den Blick vom Mirower Kirchturm. Ganz in der Nähe liegt das Grab von Adolf Friedrich VI., der letzte Großherzog von Mecklenburg-Neustrelitz - traumhafte Ruhestätte auf der idyllischen Liebesinsel.

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