Zeitung Heute : Mecklenburgs Seenplatte: "Und fühlt sich an wie Heimat"

Andrea Strunk

"Aber wohin ich in Wahrheit gehöre, ist die dichtumwaldete Seenplatte Mecklenburgs." Als der Schriftsteller Uwe Johnson diese Zugehörigkeit aussprach, war er längst in den Westen geflohen, hatte Mecklenburg hinter sich gelassen und war fern der Heimat zu einembedeutenden Autor geworden. Die Seen aber vergaß er nie.. In seinem Hauptwerk, den "Jahrestagen" lässt Johnson seine Romanfigur Gesine Cresspahl eine ganze Wasserkunde aufbieten, sie stellvertretend für seine eigenen Sehnsüchte selbst in den Scheiben eines New Yorker Bankhauses die Spiegelung des Müritzsees entdecken. Heimwehkrank nach dem Mecklenburger Boden unter den Füßen, den Sonnenspiegelungen in den Gewässern, gab Johnson sich noch an seinem letzten Wohnort, Sheerness-on Sea in England, über die Themse aufs Meer blickend, den Mecklenburger Bildern hin. "Es ist eine Täuschung und fühlt sich an wie Heimat." Als Heimatstadt gilt für Johnson Güstrow. Dorthin waren die Eltern 1945 mit dem damals elfjährigen Sohn aus Pommern vor der Roten Armee geflohen. "Über der Baumzeile am Stadtufer und Dächern stand sehr gross und sehr breit der Dom gegen den Himmel, mit der Schattenseite zum See." Die Jugendzeit beginnt traurig. Der Vater wird verhaftet, über das KZ Fünfeichen in die Ukraine deportiert, 1948 für tot erklärt. Später schafft sich der Vaterlose in Heinrich Cresspahl, Gesines Vater, Ersatz. Johnsons/Gesines Obsession wird die Suche nach der Vergangenheit sein. In Güstrow besucht Johnson die John- Brinckmann-Oberschule, geht in seiner Freizeit mit Freunden segeln und liest, was ihm unter die Finger kommt. Er ist Mitglied der Freien Deutschen Jugend und des Kulturbundes zur demokratischen Erneuerung Deutschlands, Träger des Abzeichens für gutes Wissen. Der Sozialismus ist ihm nicht unsympathisch, und eine Weile lernt er brav die Systemsprüche auswendig.

Friederike Neubert, die Leiterin des Fremdenverkehrsamtes, ist 1981 nach Güstrow gekommen. Da lebt Johnson bereits inSheerness, hat viele Literaturpreise erhalten. Zu seinen Freunden gehören Günther Grass, Max Frisch, die New Yorker Verlegerin Helen Wolff, die Journalistin Margret Boveri, die Historikerin Hannah Arendt. Glücklich ist Johnson nicht. Seine Ehe ist kaputt. Er trinkt. Mecklenburg lässt ihn nicht los, wieder und wieder erinnert er sich durch Gesine und Marie: "Die Orte des Aufwachsens aus dem Gedächtnis verlieren, das hiesse ja die Dievenow vergessen, die für ein Kind zu breite Schlange Wassers mit ihren niedrigen schwarzen Booten." Mit dem vierten Band der Jahrestage quält er sich, bis sein Verleger ihn unsanft auf seine Schulden hinweist.

1956, vier Jahr nach dem Abitur, hat Johnson seinen ersten Roman fertig: "Ingrid Babendererde. Reifeprüfung 1953." Vier DDR-Verlage lehnen das Buch ab, auch Peter Suhrkamp will es nicht. Seinem Berater und späterem Nachfolger Siegfried Unseld ist das Buch zu mecklenburgisch durchdrungen. "Babendererde", sagte Suhrkamp zu Johnson, dem detailversessenen Rechercheur. "So heißen die Leute doch dort nicht." Johnson fühlt sich schwer getroffen. "Ich habe die Grabsteine gesehen." Trotzdem ermutigt Suhrkamp den Mecklenburger, den er für ein frühes Genie hält, weiterzumachen. Nach seinem Tod übernimmt Unseld den jungen Johnson als neuen Autor und veröffentlicht 1959 die "Mutmaßungen über Jakob", mit den Beschreibungen der Stasimethoden. "Uwe", sagen die Freunde, "du musst weg". Johnson geht nach Berlin. Er nennt es Übersiedlung, von Flucht spricht er nie. In Güstrow wird es still um ihn. Zu einem der Freunde bleibt der Briefkontakt.

Nach der Wende, als aus dem Westen die Johnsonianer kamen und mit großen Augen vor dem Gymnasium, dem Dom, den Wallanlagen, an den Seeufern herumstanden, hätte Güstrow den großen Sohn gerne wieder willkommen geheißen. Da war Johnson seit fünf Jahren tot.1999 hat Margarethe von Trotta die Jahrestage, Johnsons vierbändiges Hauptwerk, verfilmt. Zwar nicht in Güstrow aber immerhin: Im November werden Gesine und Marie in Fernsehhäppchen zu sehen sein. Nun ist des Autors Name erst recht in aller Munde, im Kultur- und Tourismusbereich zumindest. So sehr, dass der Fremdenverkehrsverein, eine neue "Kultour" auf Johnsons Spuren anbietet. Dazu gibt es gratis eine Broschüre mit den wichtigsten Stationen. Mit Güstrow, Fischland-Darß und dem Klützer Winkel. "Wir träumten grau und weiss und gelb, den wuchtig bewölkten Himmel, die Ähren, die Stoppeln, die festen Sandwege." Das ist Mecklenburg. "Welcome a stranger. Gewiß Gesine. Heiße einen Fremden willkommen."

Bei Johnson, schreibt sein Biograf Jürgen Grambow, stimmen alle Angaben wie in einem Baedecker. Längst sind die Romanorte entschlüsselt. Jerichow ist Klütz, Wendisch-Burg ist Güstrow, Rande ist Boltenhagen und Heiligendamm in einem, Gneez ist Grevesmühlen und so fort. Zeit-Autor Rolf Michaelis hat als Ergänzung der Jahrestage ein "Adressbuch" geschrieben, die Johnson-Forscher Ulrich Fries und Holger Helbig eine Zeile-für-Zeile Kommentierung zu den Jahrestagen veröffentlicht. So lassen sich viele Stationen, Gebäude, Straßen, öffentliche Orte, in Güstrow und anderswo ohne große Mühe wiederfinden. Johnson war nicht nur ein Schriftsteller, er war auch ein Heimatchronist im besten Sinne. Exakt, detailversessen, akribisch der Realität verpflichtet.

Unverändert steht noch immer die John-Brinckmann-Schule in Güstrow. Johnson hat die Schulzeit gleich zwei Mal literarisch verarbeitet. Als Gustav-Adolf-Oberschule in Babendererde und als Fritz-Reuter-Schule in den Jahrestagen. Der zu Johnsons Zeiten die Aulawand zierende Spruch von der nationalen Front, die nationale Not überwindet, ist inzwischen übertüncht. Durch die Stadt zur Gertrudenkapelle mit den Barlach-Figuren - Johnson schrieb seine Magisterarbeit über Barlachs Roman "Der gestohlene Mond" - über die Wallanlagen, selbst der Laden des realen Adolf Papenbrock, dem fiktiven Großvater von Gesine, lässt sich noch finden.

Der Autor selbst ist dem Gedächtnis der Bürger entschwunden. Am Gartenzaun über ihn plaudern, lässt sich in Güstrow nicht. "Man wirft uns vor, ihn nicht zu lesen, weil wir verdrängen wollten", sagt Friederike Neubert. "Das ist Quatsch. Die Leute haben nur andere Sorgen." In Güstrows Innenstadt wird rege gebaut, abgerissen, aufgerissen, zugeschüttet. Das Hotel "Zum Erbherzog" heißt jetzt Hotel Stadt Güstrow, im Saal, wo 1954 die Verhandlung gegen die Mitglieder der "jugendlichen Agentengruppe, der Vaterlands-Verräter" stattfand, die Johnson in "Ingrid Babendererde" schildert, ist jetzt eine Bar. Vis à vis, vor der Kirche St. Marien, steht seit einigen Jahren eine Skulptur, die Archimedes darstellt. Der hat zwar mit Güstrow nichts zu tun, war aber billig zu haben. Allerdings fehlt der Bleistift, den er anfangs in der Hand hielt. Ein Vertreter der Stadt, der im sturzbetrunkenen Zustand dem Hotel Güstrow entschwankte, soll den Stift abgebrochen haben. So besagt es ein Stadtgerücht. Johnson hätte diese Geschichte erfreut. Vielleicht hätte er sich mit Archimedes angefreundet. Dessen Ruf "Störe nicht meine Kreise" ähnelt jener Johnson-Attitüde, die Max Frisch in seiner Nachrede beschreibt: "Seine Einsamkeit war von innen heraus gebaut, sie war von außen nicht mehr zu durchdringen". Auch die Grabsteine mit dem Namen Babendererde wird man finden, selbst im Telefonbuch gibt es diesen Namen noch. Unseld hat das Buch schließlich doch noch veröffentlicht. Posthum, 1985. Die Stadtbibliothek heißt jetzt Uwe-Johnson-Bibliothek. Über dem Ausleihtresen hängt eines der letzten Fotos von Johnson, aufgenommen von seinem Schulfreund Heinz Lehmbäcker. Ein entspannt lächelnder Johnson mit Pfeife im Mund. "Da gefällt er mir", sagt Sabine Moritz, die Leiterin der Bibliothek. "Ich meine, man hört ja vieles von ihm, aber auf dem Foto und in den Filmen, und dann diese tiefe Stimme ... Ein Frauentyp." Es ist kaum anzunehmen, dass das neue Tourismusangebot von Güstrow die Massen anziehen wird. Johnson ist kein Autor für das Volk. Er polarisiert. Ingrid, Gesine und Marie, Jacob, Cresspahl, Papenbrock, Niebuhr haben eins gemeinsam: Entweder sie bleiben Unbekannte, weil einem der Johnson-Stil nicht gefällt. Oder sie teilen den Rest des eigenen Lebens. Ihre Suche nach der Wahrheit, der Menschlichkeit macht sie eckig und kantig. Am Leben schleifen sie sich so kompromisslos wund, dass man nicht umhin kann, sie mit einer gewissen Liebe zu betrachten. "Aber Jakob ist immer quer über die Gleise gegangen", eröffnet Johnson seinen zweiten Roman, die "Mutmaßungen über Jakob". Dieser Satz gilt gleichsam als Metapher für den Autor. Auch Johnson lief quer. Literarisch sowieso, selbst seine Grammatik ist verquer, und macht bisweilen den Eindruck, verrutscht zu sein. Johnson starb 1984 an Herzversagen, ausgelöst durch Alkohol, Nikotin, Einsamkeit. Er hat seinen Tod nicht herbeigeführt, wohl aber in Kauf genommen. Die Art des Sterbens scheint wie Bestätigung seiner Auffassung, dass die Vergangenheit in die Gegenwart fortwirkt. Am Ende schließt sich der Kreis, holt ihn das Schicksal seiner Figuren ein. "Mein Vater ... lebte allein in dem Wind der grau und rauh vom Meer ins Land einfiel, hinweg über ihn und sein Haus", erzählt Gesine der Tochter. Auch Johnson lebte seine letzten Jahre allein im Wind, wenn auch nicht im mecklenburgischen.

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