Zeitung Heute : Medien-Installation: Ein Holo-Deck für die Weltkulturen

Constanze Suhr

Wir betreten einen abgedunkelten Raum. An der Wand zieht eine Erdkugel als Rundumprojektion ihre Kreise, wir zeigen auf einen Kontinent und dann auf das Land, über das wir informiert werden möchten. Vielleicht ist es Dänemark, wir wünschen etwas über den Freistaat Christiania in Kopenhagen zu erfahren. Oder wir sind eher an Frankreich interessiert, wollen etwas über das Tanzfestival von Montpellier wissen. Womöglich sind wir Touristen in Berlin und hätten gern mal eine Runde durch das Kanzleramt gedreht und dabei noch die Architekten des Gebäudes kennen gelernt.

Auf Sponsorensuche

Haben wir unser Interessengebiet eingeengt, werden wir durch Leitfäden am Boden oder durch Lichter zu einer der im Raum hängenden Holoproscheiben geführt. In dem Moment, wo diese noch durchsichtige Scheibe aktiviert wird, wandelt sie sich zur Projektionsfläche. Über uns hängt ein Soundbeamer. Wenn sich die Hörschale heruntersenkt, bietet sie einen begrenzten Hörraum. Wir können uns nun in Ruhe auf unseren virtuellen Rundgang durch den Freistaat Christiania begeben oder Charlotte Frank und Axel Schultes durch das Kanzleramt begleiten. Oder wir werden Zuschauer der Aktionen beim Festival in Montpellier.

So ungefähr soll es in etwa zwei Jahren im Haus der Kulturen im "interaktiven Wissens- und Erlebnisraum" Blue Space vor sich gehen. Doch dieses ehrgeizige Projekt, das auf 250 Quadratmetern permanent und unabhängig von den laufenden Ausstellungen über Kulturen der Welt informieren soll, kostet eine Menge Geld. Deshalb wurde zunächst eine Art Prototyp entwickelt, um das Interesse der Sponsoren zu wecken. "Blue Stage" heißt die Installation, die zusammen mit dem Danish Center for Culture and Development in Kopenhagen und dem International Festival Montpellier Danse, unterstützt von der Europäischen Union im Rahmen des Programms "Kultur 2000", geschaffen wurde.

"Blue Stage", auf 60 Quadratmetern im Ausstellungsraum des Hauses installiert, musste gegen Zeitmangel und begrenzten finanziellen Etat ankämpfen und lässt bisher nur ahnen, wie das Hauptprojekt später aussieht - und warum es so einzigartig ist. Im Raum gibt es vier Projektionswände, die es jeweils vier Personen oder Gruppen zur gleichen Zeit erlauben, einen Pfad zu verfolgen. Auf den Wänden erscheinen Waben mit verschiedenen Themen, aus denen man sich durch Armbewegung eines "pflückt", das dann auf einer vergrößerten Ebene erscheint.

Reichlich Berliner Know-how

Das Ganze erinnert stark an eine Computeroberfläche und lässt eigentlich wenig von dem ahnen, was das System leisten kann. Die Lautsprecher mussten direkt hinter den Wänden installiert werden, da Soundbeamer den Etat gesprengt hätten. Das bedeutet jedoch, dass sich die Kommentare zur ausgewählten Projektion mit dem Ton des Nachbarn überschneiden und kaum zu verstehen sind. Tritt man deshalb näher heran, "entwischt" einem das gewählte Thema wieder, weil die Sensoren sofort auf die Bewegung eingehen.

Navigations- und Raumkonzept wurden von der Berliner Softwarefirma Two-suns/Omnimedia und ArchiMeDes, spezialisiert auf Konzeption, Gestaltung und Realisation von Ausstellungen, erarbeitet, die hier die Software-Tools "enclued" und "cartasia" benutzt haben. Im "enclued"-3D-Editor wird der Raum maßstabsgetreu simuliert und in verschiedene Sensorzonen eingeteilt.

Die zu benutzenden Medien sind in einer semantisch strukturierten Datenbank angelegt und können beliebig mit den Sensorfeldern verknüpft werden. "cartasia" ergänzt "enclued" um ein 3D-Motion Tracking System und setzt über Infrarotkameras und kleine Infrarot-Sender in der Hand oder an der Kleidung des Besuchers die in "enclued" vorgegebenen multimedialen Prozesse in Gang. Gleichzeitig gibt das System unmittelbar Rückmeldung an "enclued" über das jeweilige Besucherverhalten.

In "Blue Stage" werden 45 Projekte aus dem Mittelmeerraum und Kultur- und Bauprojekte aus Kopenhagen, Montpellier und Berlin vorgestellt. Noch besitzt das Material nicht immer die gewünschte Qualität, es musste mit dem gearbeitet werden, das zur Verfügung gestellt wurde. Für Copyrights stand nur ein geringer Etat zur Verfügung.

"Es gibt aber noch ein paar Bonbons, die wir eingebaut haben", erklärt Projektmanagerin Brigitte Heilmann, "so genannte Events, die man durch Bewegung im Raum in Gang setzen kann. Diese Events schmeißen quasi, das ist dann nicht mehr demokratisch, die anderen aus ihrem Thema raus, und alle gucken sich das Gleiche an."

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