Zeitung Heute : Medien noch ohne Volk

Der Tagesspiegel

Von Andrea Nüsse, Amman

„Paradise Internet“, „Apollo Internet Center“, „Internet Hawai“: 105 Cafes mit Zugang zum World Wide Web reihen sich in Irbid auf einer Straße von einem Kilometer Länge aneinander. Damit wurde die verschlafene Universitätsstadt nördlich von Amman im vergangenen Jahr für das Guiness-Buch nominiert. Dieser Rekord verdeutlicht, dass die neuen Medien einen rasanten Aufschwung in der arabischen Welt nehmen. Der Markt für die neuen Informationstechniken wächst hier schneller als in anderen Regionen der Welt. Der Zuwachs an Satellitenschüsseln betrug zwischen 1992 und 2001 fast 300 Prozent. Die Steigerungsrate bei Werbeeinnahmen der panarabischen Satellitensender betrug laut einer Studie von Canal France International (CFI) zwischen 1996 und 2000 etwa 25 Prozent. Hat 1990 der erste arabische Satellitensender den Betrieb aufgenommen, gibt es heute zwischen 40 und 50. Das bekannteste Beispiel ist wohl Al-Dschashira. Der arabische Nachrichtensender aus Katar hat 1995 zu senden begonnen und erreicht mittlerweile einen Marktanteil von 14 Prozent in der arabischen Welt.

In vielen arabischen Ländern dominieren die panarabischen Satellitensender heute den Markt. So sehen in den Golf-Staaten zwischen 50 und knapp 70 Prozent der Menschen arabisches Satellitenfernsehen. Der Marktanteil des ersten staatlichen saudischen TV-Kanals sank dagegen zwischen 1995 und 2000 von 60 Prozent auf 36 Prozent. Die Satellitensender haben ihren Sitz in London oder im liberalen Beirut. Daher reagieren ihre Chefredakteure unempfindlicher auf den Druck der arabischen Regime. Insgesamt ist ihre Berichterstattung freier als in den nationalen Medien, die den verschiedensten Formen der Zensur ausgesetzt sind: Angefangen von der Schwierigkeit, eine Lizenz zu erhalten, über die Ernennung regime-freundlicher Journalisten für die Spitze der Einrichtungen bis hin zum Erscheinungs- und Berufsverbot.

Welche politischen und gesellschaftlichen Auswirkungen hat nun dieser freiere Zugang zu Informationen über die neuen Medien auf die arabischen Gesellschaften? Mit dieser Frage beschäftigten sich 120 Medienexperten und Journalisten auf einer Konferenz der Konrad-Adenauer-Stiftung in Amman. In besonders abgeschotteten Ländern wie Syrien und Irak, wo die staatliche Zensur am ausgeprägtesten ist, haben die neuen Medien eine herausragende Bedeutung. Der staatlich verhängte Blackout zu bestimmten Themen kann damit umgangen werden. In Irak ist allerdings sogar das Satellitenfernsehen verboten. Doch auch in Ländern mit liberaleren Regimen wie Ägypten und Jordanien hat die kritische Berichterstattung von Al-Dschashira Folgen: So sind die jordanischen Behörden in einem der größten Finanzskandale des Landes erst tätig geworden, nachdem das Thema in dem Nachrichtensender aus Katar zur Sprache gekommen war. Das Problem: Danach verhängten die jordanischen Behörden ein striktes Publikationsverbot für Beiträge über den Skandal.

Genau hier sieht der Korrespondent des saudischen Satellitensenders MBC in Palästina, Nabil Khatib, das Problem. „Die Satellitensender versorgen eine Elite mit Informationen, die in den einzelnen Ländern der Zensur unterliegen. Aber sie führen nicht zu Veränderungen.“ Eine größere politische und soziale Mitwirkung der Bevölkerung sei nur dadurch zu erreichen, dass in den lokalen Medien die internen Probleme diskutiert und ausgefochten würden. Die Satellitensender seien von der Realität der einzelnen arabischen Bürger weit entfernt, weil sie sich mit den wichtigsten politischen Prozessen auf internationaler Ebene beschäftigten.

Ebenso wenig sind sofortige Auswirkungen durch die Nutzung des Internets spürbar. Dort erweitern junge Menschen sicher ihren sozialen Kontakte – besonders beliebt sind in der arabischen Welt das Chatten und wohl auch der Zugriff auf pornographische Seiten.

Der durchschnittliche arabische Internetnutzer ist wahrscheinlich noch weniger als der europäische in der Lage, die Materialfülle zu sortieren und zu analysieren. Denn das Erziehungssystem in der arabischen Welt ist noch immer fixiert auf das Auswendiglernen. Analytische und kritische Fähigkeiten werden nicht gefördert. Dies ist ein weiterer Grund, weshalb trotz des angewachsenen Informationsflusses bisher wenig gesellschaftliche Veränderung in den arabischen Gesellschaften spürbar ist. Der Anthropologe Jon Anderson von der Georgetown University in Washington glaubt nicht, dass diese durch die politischen Journalisten kommen wird. Er macht vielmehr große Veränderungen in einer anderen gesellschaftlichen Gruppe aus: Junge Ingenieure zwischen 20 und 25 Jahren, die mit dem Internet „herumspielen“ und dabei den öffentlichen Raum verändern. Statt der traditionellen Institutionen kämen hier informelle Netzwerke zu Wort. Dabei würden Grenzen zwischen Genres, zwischen Heimat und Diaspora, zwischen Elite und Bevölkerung verwischt.

Auch intellektuelle Techniken würden in den Websites neu kombiniert: die Textexegese islamischer Geistlicher beispielsweise mit den technisch-analytischen Fähigkeiten eines Ingenieurs. Dies führe zu einer „Art Demokratisierung“ ohne explizit politischen Charakter. So scheinen die neuen Medien in der arabischen Welt zumindest einige Löcher in den Mantel staatlich gelenkten Denkens geschnitten zu haben, der die Gesellschaften umhüllt.

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