Zeitung Heute : Medienberufe: Grundrecht auf Meinungsfreiheit

Günther Ziesel

Es mag auf den ersten Blick überraschend sein: Trotz der vielfältigen Anforderungen, die an Journalisten gestellt werden, ist kein geregelter Ausbildungsgang vorgeschrieben. Die Begründung dafür ist das Grundrecht auf Meinungsfreiheit - und ein Teil davon ist die Pressefreiheit. Meinungsfreiheit räumt jedem Bürger das Recht ein, durch Wort, Schrift, Druck oder bildliche Darstellung seine Meinung innerhalb der gesetzlichen Schranken frei zu äußern. Und Meinung ist nach herrschender Ansicht nicht bloß die Tatsachenwiedergabe und Tatsachenbehauptung, sondern es sind alle Äußerungen, die auf Überzeugungsbildung gerichtet sind

In all den Diskussionen um eine Regelung der Ausbildung für Journalisten spielt dieses Recht auf Meinungsfreiheit eine gravierende Rolle. Wann immer gefordert wird, den journalistischen Beruf durch Ausbildungs- und Prüfungsvorschriften zu beschränken, wird eingewendet, dadurch würde das Recht auf Meinungsfreiheit in unzulässiger Weise eingeengt. Ich halte diese These für grundsätzlich richtig. Aber ich halte ihr entgegen, dass die Aufnahme in einen Medienbetrieb ganz selbstverständlich Beschränkungen unterworfen ist. Jede Redaktion, ob in elektronischen oder in Printmedien hat naturgemäß einen Numerus Clausus, der sich aus der finanziellen Situation des Medienunternehmens einerseits und aus Größe und Art der jeweiligen Redaktionen ergibt. Dass es jedem Einzelnen unbenommen ist, eine eigene Zeitung zu gründen, entspricht dem Recht der Meinungs- und Pressefreiheit. Auch dieses Grundrecht wird in der Praxis vor allem durch wirtschaftliche Gegebenheiten beschränkt.

Seriös muss nicht langweilig sein

Mangelnde Seriosität ist einer der Hauptvorwürfe, der gegenüber vielen Produkten der Presse und der elektronischen Medien erhoben wird. Was ist nun seriös? Die Definition des Wortes seriös ist ziemlich einfach: ernst, vertrauenswürdig, gediegen. Niemand wird dieser Definition des seriösen Journalismus widersprechen und als Beispiele dafür vermutlich Medienprodukte anführen wie etwa die "Neue Zürcher Zeitung", die "Frankfurter Allgemeine" oder die "Süddeutsche Zeitung". Bei den elektronischen Medien werden öffentlich-rechtliche Anstalten eher mit dem Begriff Seriosität in Zusammenhang gebracht als kommerzielle Sender. Die Crux mit dem Begriff seriös scheint in der Herkunft dieses Wortes zu liegen. Die Wurzel des Wortes seriös liegt im lateinischen "serius", was soviel wie ernsthaft, ernstlich bedeutet. Und ernsthaft wird von vielen als Rechtfertigung für ein langweiliges Produkt missbraucht.

Lange Zeit also galt es als beinahe selbstverständlich, dass sich seriöse journalistische Produkte langweilig zu präsentieren haben, wenn man die Geschmacksrichtung eines breiten Publikums als Maßstab ansetzt. Heute ist es allerdings so, dass selbst Menschen mit hoher und höchster Bildung beim Medienkonsum Wert auf eine entsprechend attraktive, ja vielleicht sogar unterhaltsame Form der Präsentation legen.

Die große Kunst des Journalisten im Zeitalter des Überangebots an Medienprodukten liegt heute darin, Inhalte so aufzubereiten und darzustellen, dass der schnelllebige, zur Oberflächlichkeit tendierende Konsument allein durch die Gestaltungsform auf den Inhalt aufmerksam gemacht wird.

Die "Himalaya-Option"

Das Wissen um die Verkaufbarkeit journalistischer Inhalte ist eine der ganz wichtigen Anforderungen, die heute an einen Journalisten zu stellen sind. In diesem Zusammenhang wird sehr oft das Bild von der so genannten "Himalaya-Option" gebraucht. Je höher, elitärer und anspruchsvoller das Niveau von Zeitungen oder Fernseh- und Radioprogrammen wird, desto kleiner wird die Zahl derer, die bereit sind, diese Produkte zu konsumieren. Und ganz oben, an der Spitze des Himalaya, wird sich die Zahl der potenziellen Konsumenten der Ziffer Null nähern. Massenmedien, wie es die großen Tages- und Wochenzeitungen und die großen Rundfunkanstalten sind, können und wollen ein solches Ziel nicht anstreben; nicht einmal die legendäre BBC, die ja in Medienkreisen als Inbegriff der Seriosität gilt.

Infotainment braucht einen Gegenpol

Gerhard Weis, Generalintendant des ORF, hat für den Informationsbereich des Senders als Grundsätze definiert: "Es ist deutlich zwischen Information im klassischen Sinn und Infotainment zu unterscheiden. Infotainment ist zulässig (schließlich sollen auch unterhaltende Programme informieren dürfen), es darf aber keinesfalls die klassische Information verdrängen oder ersetzen. Infotainment wäre somit additiv zum klassischen Informationsangebot zu sehen, das in seiner Substanz keineswegs geschmälert, sondern im Gegenteil, verstärkt angeboten werden muss." Weis fordert in seinem Strategiepapier für Journalisten im Bereich klassische Information: Unabhängigkeit, Glaubwürdigkeit, Objektivität und Fairness sowie hohe Professionalität.

Das so genannte Infotainment ist erst in den vergangenen Jahren, oder sagen wir, im vergangenen Jahrzehnt, augenscheinlich geworden. Anfang der 70er Jahre des zurückliegenden Jahrhunderts ergab eine Umfrage unter Redakteuren zu deren beruflichem Selbstverständnis, dass der objektive Berichterstatter und Informator an der Spitze stand. An zweiter Stelle wurde der Kritiker an Missständen genannt. Ende der 70er Jahre sah das Bild schon anders aus: Fast die Hälfte der Befragten sahen sich primär als Interpreten politischer Sachverhalte, elf Prozent traten für ein anwaltschaftliches Berufsverständnis ein, und immerhin zehn Prozent der Chefredakteure und Ressortleiter meinten bei dieser Befragung, dass sie durch ihre Arbeit politisches Handeln aktiv mitbestimmen könnten. Die reine Vermittlerfunktion schien nur noch bei fünf Prozent als typisch für das Berufsbild des Journalisten auf. Das war 1977.

In jüngsten empirischen Untersuchungen gaben wieder 99 Prozent der - österreichischen - Journalisten Information als wesentlichstes Ziel ihrer Arbeit an. Es folgten Objektivität mit 39 Prozent, Aufklärung mit 21 Prozent und ganz am Ende der Skala Unterhaltung mit acht Prozent. Das bedeutet: Sowohl das Selbstbild als auch das Fremdbild der Journalisten verändern sich laufend.

Tatsache ist jedenfalls, dass die Herausforderungen für den Journalisten wesentlich gestiegen sind. Es genügt keinesfalls mehr, mehr Sachverhalte möglichst verständlich zu vermitteln, sondern es geht in dem immer stärker werdenden Konkurrenzdruck auch und vor allem um den wirtschaftlichen Erfolg eines Medienprodukts.

Verkaufserfolg fordert Tribut

Die Sensation lässt sich besser verkaufen als das Alltägliche. Die Genauigkeit der Recherche wird in den Hintergrund gestellt. Oft hütet man sich sogar davor, zu genau zu recherchieren, um nur ja nicht zu entdecken, dass die vermeintliche Story eigentlich keine ist. Das Verantwortungsbewusstsein des Journalisten wird täglich auf die Probe gestellt und oft geht es unter. Manchmal ist allein der Zeitdruck daran schuld, sehr oft aber auch der Verkaufserfolg.

In dieser Situation des wirtschaftlichen Drucks und der gnadenlosen Konkurrenz wird es für den Journalisten immer schwieriger, die einstigen Ideen von journalistischem Ethos in die Praxis umzusetzen. Je größer und fundierter aber das Wissen um all diese Zusammenhänge, das Sachwissen und das Fachwissen eines Journalisten sind, desto eher wird er seine verantwortungsvolle Aufgabe ausführen können. Um Haltung zu bewahren, bedarf es auch des Mutes: Mut, diese Haltung zu vertreten, zu verteidigen und allenfalls bereit zu sein auch die Konsequenzen daraus zu tragen. Max Webers Prinzipien für politisches Handeln können auch die Fundamente für einen seriösen Journalismus sein: "Leidenschaft, Augenmaß und Verantwortungsbewusstsein."

Der Autor leitet die TV-Sendung Alpen-Donau-Adria beim ORF-Landesstudio Steiermark und ist Sendungsverantwortlicher sowie Gastgeber der wöchentlichen TV-Pressestunde des ORF.

Die Langversion des Vortrags im Rahmen des Symposions "Wissen und Kompetenzen für die Zukunft" in Graz unter www.zumthema.com/wissensbank/ftext.asp?id=1899 .

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