Zeitung Heute : Medienrepublik (23)

Der Tagesspiegel

Unsereins hat in Berlin schon so manche Regierung kommen und gehen sehen. In den Medien funktioniert das so: Die amtierende Regierung wird von den Medien wegen ihrer Untätigkeit beziehungsweise Mutlosigkeit streng gerügt. Die Schulden wachsen und wachsen, aber die tun nix. Jetzt kommt die neue Regierung dran. Die neue Regierung erklärt, dass sie wegen der unerträglichen Schuldenlast sowohl leider als auch endlich unpopuläre Maßnahmen ergreifen müsse. Es müsse ein Krankenhaus kleingemacht werden, oder zwei Theater geschlossen, oder zehn Schwimmbäder, oder das Polizeipferd Quintessa wird zu Salami verarbeitet. Nun toben nicht nur die Betroffenen vor Wut, sondern auch fast alle Medien. Sie erklären, mit durchaus nachvollziehbaren Argumenten, warum jede einzelne Sparmaßnahme barbarisch, stupide und verbrecherisch sei und im Grunde mit einer Revolution beantwortet werden müsse. Die Regierung bekommt Angst. Sie nimmt von ihren Plänen Abstand. Nach einer Weile wird ihr von den Medien Untätigkeit beziehungsweise Mutlosigkeit vorgeworfen. Denn die Schulden wachsen. Uups, die nächste Regierung kommt an die Reihe. Dieses Phänomen wird in der Medienwissenschaft als der „Berliner Kreisel“ bezeichnet.

In der Berliner Spardebatte gibt es nur ein Wort, das alle gerne hören:Es heißt „ Strukturreformen“. Alle sind dafür. Warum? Weil das ein so schön abstraktes Wort ist. Eine Wurst, die früher das Polizeipferd Quintessa war – das ist eine klare Sache. Aber unter Strukturreform kann sich keiner was vorstellen. Strukturreform scheint die V2-Rakete der Finanzpolitik zu sein. Hiermit enthüllen wir weltexklusiv: Strukturreform bedeutet, dass viele Leute entlassen werden. Diejenigen, die nicht entlassen werden, kriegen weniger Geld und müssen mehr arbeiten. Klasse, so eine Strukturreform, oder?

Und nun zur Reiterstaffel. Jedes Mal denkt man sich: Kein Wort mehr über Georg Gafron, man will ja kein altes Ehepaar werden wie Theo Sommer und Hermann Gremliza. Aber dann passiert immer etwas besonders Anrührendes. In diesem Fall war es ein Zeitungsausschnitt, von Ende August 1999. Damals hat Georg Gafron mit TV Berlin dem SFB offiziell den Krieg erklärt („Wir führen Krieg“, „Keine Macht den Drögen“) und angekündigt, dass er, falls sich bei den Quoten seines Senders nicht „spürbar etwas bewegt“, sein Gehalt zurückzahlen werde. Das Gehalt von Georg Gafron ist geheim, wird aber von Insidern auf 300000 bis 500 000 Euro geschätzt. Die Reiterstaffel kostet nur 130000 Euro im Jahr. Im Grunde ist klar, welche Person der Zeitgeschichte in Zukunft die Reiterstaffel finanzieren muss.

Vorgestern Grass, gestern Peter Schneider und Hans-Christoph Buch: Der Kanzler hat, um Spaß zu haben und seinen Ruhm zu mehren, eine neue Sportart erfunden, das ÄltereSchriftsteller-Umarmen. Man hat dabei ein mulmiges Gefühl in der Ethikdrüse. Nun, sofern der betreffende Literat aus freien Stücken dazu bereit ist, sich umarmen zu lassen, lässt sich zumindest juristisch wenig dagegen tun. In der „SZ“ beschrieb Robin Detje den Vorgang mit dem Satz: „Es konnte der Kanzler gar nicht so viel speicheln, wie die Schriftsteller Speichel lecken wollten.“

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