Zeitung Heute : Medienrepublik (26)

Der Tagesspiegel

Jede Partei, jede Zeitung und überhaupt fast jeder, der den Mund aufmacht, gibt sich heutzutage ein bissel sozialdemokratisch. Sozial, das gehört sich einfach so. Ehrlich gesagt – jeder hat auch ein bisschen was Christliches, dieser Prägung können selbst Heiden sich nicht entziehen. Ökologisch denken wir eh alle. Insofern kann man Jens Jessen von der „Zeit“ nur zustimmen, wenn er sagt: Der Liberalismus hat in Deutschland geistig gesiegt. Auch das stimmt und beißt sich keineswegs mit dem gleichzeitigen Sieg von Sozialdemokratie und Ökologie.

Die großen politischen Lehren haben bei uns einen historischen Kompromiss geschlossen. Christlicher Sozialökoliberalismus: eine liebenswerte Idee, auch wenn sie naturgemäß ein wenig verwaschen wirkt.

Gibt es einen neuen, liberalen Totalitarismus? Jessen schreibt: „Der Liberalismus hat gesiegt, aber dieser Sieg besteht darin, dass er seine Toleranz verloren hat. Es ist ein verfolgender Liberalismus entstanden.“ Es sei in den Medien kaum noch möglich, jenseits des liberalen Mainstreams eine dezidiert konservative oder sozialistische, vielleicht auch nur originelle Position zu beziehen, ohne dass einem der Diskursführerschein entzogen wird. Das ist einerseits wahr. Die gewaltige Tagesproduktion an Meinungsartikeln und Kommentaren, die aus unserer Medienindustrie herausquillt, täuscht eine Streitlust und Meinungsfreude vor, die es in Wirklichkeit nicht gibt.

Jessen klagt darüber, dass man „Militarist nicht sein darf“. Soll man Militarist sein dürfen? Nur, solange die Nichtmilitaristen wütend widersprechen dürfen. Zur tabufreien Diskussion, die Jessen zu Recht fordert, gehört auch das Recht auf scharfe Gegenrede, Polemik, die er ablehnt, unter Berufung auf Gräfin Dönhoff: „Emotionale Empörung schadet der Demokratie.“ Nanu, wieso denn? Die Furcht vor Emotionen in der Politik hängt mit der Erfahrung des Dritten Reiches zusammen. Deshalb wird in Deutschland bis auf den heutigen Tag so viel gesäuselt. Das Problem dabei: Das Publikum mag es nicht fad, sondern scharf. So ist in den Redaktionen ein Spezialressort entstanden – ein ähnlicher Job wie Theaterkritiker, Fußballreporter oder Klatschkolumnist. Das ist der Polemiker. Der Polemiker darf, als Einziger, vom Recht auf subjektive Meinung skrupellosen Gebrauch machen. Er darf verwegene Thesen vertreten, sich verhasst oder beliebt machen, streiten, sentimental oder persönlich werden, Militarist oder Sozialist sein, er darf alles, was das Grundgesetz zulässt und den Lesern Spaß macht. Joseph von Westphalen, Henryk Broder, Wiglaf Droste, Franz Josef Wagner, Maxim Biller, Roger Willemsen… Meistens bekommen solche Leute eine kleine Ecke zugewiesen, die sich optisch vom Rest der Zeitung abhebt, damit die Leser merken, dass es die geistige Freihandelszone ist. Im normalen Kommentarteil werden in der Regel Ausfuhrzölle erhoben.

Den Kapitalismus kann man als immer weiter gehende Entfaltung der Arbeitsteilung beschreiben. Auch das Meinunghaben wird am Ende zur Aufgabe einer kleinen Gruppe von hochspezialisierten Experten. Außer bei der „Zeit“ natürlich!

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben