Zeitung Heute : Medienrepublik (28)

Der Tagesspiegel

Ja gut, ich sag’ mal, das ist natürlich nicht ganz angenehm, sich ganze 80 Zeilen lang mit dem Leo Kirch zu befassen, weil man dann immer dieses Bild vor Augen hat und einschlafen möchte. Aber immer wenn ganze Imperien verfallen, kommt man wohl nicht drumrum. Das war schon damals beim Römischen Reich so. Natürlich ist die wirklich spannende Frage nicht, was jetzt mit den bunten Smarties bei Sendern wie Sat 1, Pro 7, TV.Berlin oder TV-Oberschöna passiert. Und über die „Blitz“-Schmuddel-Gerüchte, wonach der Herr Borer-Fielding aus der Schweiz in seiner Berliner Botschaft gelegentlich ein Nacktmodell… Nee, darüber kann man sich auch woanders informieren. (Bloß nicht in der „B.Z.“, die darüber keine Zeile verliert – was verwunderlich ist, schließlich ist das Thema doch wie gemacht für eine Berliner Boulevardzeitung.)

Es geht also nicht um den drohenden Programmverlust, auch nicht darum, dass die knapp 10 000 Kirch-Mitarbeiter schon bald auf der Straße stehen oder zu Arbeitssklaven im neuen Römischen Reich des italienischen Medienmoguls Berlosconi werden könnten. Nein, die anderen Medien und Spitzenpolitiker wie Wolfgang Clement haben gleich erfasst, was das wirklich Brisante an Leos Lebewohl ist: die Zukunft des bezahlten Fußballs.

Auch wenn das ein komischer Begriff ist. Freilich gibt es auch Leute, die Fußball ohne Bezahlung spielen. Aber man spricht ja auch nicht vom bezahlten Beamtentum, obwohl es auch Menschen gibt, die in ihrer Freizeit knicken, lochen, abheften. Sobald es also ums Kicken, Einlochen, Abstauben geht, spricht man von bezahltem Fußball. Und der soll in Gefahr sein, weil die Vereine auf die fetten Kirch-Honorare für die Übertragungsrechte angewiesen sind.

Es gibt nun zwei Möglichkeiten: Entweder man verstaatlicht den bezahlten Fußball und bezahlt den Fußball per Staat. Das hat schon beim Steinkohle-Bergbau funktioniert und hätte den Vorteil, dass jeder steuerzahlende Bürger sich ein klitzekleines bisschen als Mitbesitzer der bezahlten Fußballer fühlen dürfte – auch wenn einem im konkreten Fall allenfalls ein Zehennagel von Olli Kahn gehören würde. Für Bürger unterhalb des Spitzensteuersatzes würde es gar nur für einen Eckzahn von Roland Maul (Hansa Rostock) ausreichen.

Dann vielleicht lieber die zweite Variante: Man verzichtet auf die Fußball-ABM-Stellen und sagt den Betroffenen, wie es ist. „Ja gut“, könnte man sagen, „ich sag’ mal, das Runde muss ins Eckige, euer Spiel dauerte 90 Minuten, is’ aber jetzt auch vorbei und ihr müsst euch ’nen neuen Job suchen.“ Mit staatlicher Hilfe freilich – wegen sozialer Marktwirtschaft. Der Herr Gerster, der künftige Irgendwasvorsitzende der Nürnberger Anstalt für Statistikfälschung, sagte diese Woche schon bei Mitte-Maybrit etwas Wegweisendes: „Einige Profikicker könnte man durchaus vom Arbeitsamt umschulen lassen.“ Ja gut, aber in was? Der Markt für Sportartikelvertreter ist längst gesättigt. Schon jetzt verkaufen rund 99 Prozent der Ex-Profis Turnbeutel und Noppenschuhe. Das restliche Prozent teilt sich auf in die Rubriken: Trainer, Co-Trainer, Konditionstrainer, Experte, Berti Vogts. Auch davon gibt es schon genug. Irgendwie ist das mit der Kirch-Pleite doch ein Elend.

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