Zeitung Heute : Medienrepublik (30)

Der Tagesspiegel

Ob sie nun aufgeregt sind oder ob sie cool bleiben – die Deutschen können es manchen nie recht machen. In der „Welt“ geißelt Mariam Lau die Hysterie, die in Zeiten des Golfkrieges oder des Rinderwahnsinns einige unserer Mitbürger einiger Teile ihres Verstandes beraubte. Einen Absatz weiter aber geißelt sie die relative Gelassenheit der meisten Deutschen nach dem Anschlag von Djerba. Tote, Terror! Und die meisten Deutschen tun fast so, als sei es ein Flugzeugabsturz, sie haben Mitleid, weiter nichts. Die Kommentatorin fragt: „Wo bleibt die Wut?“

Nun erhebe dich, Volk, und Sturm, brich los! Ja, wo bleibt die Wut? Warum gibt es keine araberfeindlichen Ausschreitungen, warum werden keine Fahnen verbrannt? Warum passiert nicht wenigstens das, was man in Deutschland nach Anschlägen normalerweise tut, warum werden nicht schnell ein paar scharfe Sondergesetze erlassen?

Wütende Völker sind generell kein schöner Anblick. Wütende Völker tun so gut wie immer unkluge Dinge. Die Deutschen dazu aufzufordern, wütend zu werden, ist keine gute Idee.

Aus dem gleichen Text: „Es ist antisemitisch, wenn die ,Süddeutsche Zeitung’ erklärt, die Juden hätten ebenso viel Berechtigung, in Palästina zu sein, wie die Kreuzritter.“ Ich erkläre hiermit: Falls dieser falsche Satz tatsächlich in einer „Erklärung“ der „Süddeutschen Zeitung“ gestanden haben sollte, überweise ich 1000 Euro an Mariam Lau. Sollte der falsche Satz aber in irgendeinem Text irgendeines Autors gestanden haben (Franziska Augstein?), dann ist diese Person und nicht die gesamte Zeitung für den falschen Satz haftbar zu machen, denn er ist zwar falsch; aber so skandalös, dass man ihn in einer seriösen Zeitung eines Landes mit ein bisschen Meinungsfreiheit auf keinen Fall drucken dürfte, ist er nun auch wieder nicht.

Die „Süddeutsche Zeitung“ ist also antisemitisch. Gut, dass es als Alternative neuerdings „Tier-Bild“ gibt.

Die Tierzeitschriften sind heute anders als früher. Die Themen heißen Sterbehilfe für Hunde, Ausweispflicht für Haustiere, Babyklappe für Fohlen – man blättert und staunt. Im Grunde ist auch „Tier-Bild“ ein politisches Magazin. Die politische Linie lautet: Für Promis, gegen Tierquäler. „Tier-Bild“ berichtet gerne über Prominententiere: Zeus, der Hengst von Babs Becker, Evita, die Dogge von Michelle, die Tiger von Gerd Simoneit und natürlich Scooter, der Schnauzer unserer Präsidentenfamilie. Michelle wird gefragt, ob sie schon mal einen Tierquäler getroffen hat. „Nein, dann könnte ich mich auch nicht beherrschen.“ Es gibt doch noch Deutsche, die wütend werden!

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