Zeitung Heute : „Medikamente sind nicht alles“

Die Medizinerin Erika Gromnica-Ihle über die Bedeutung einer frühzeitigen Behandlung und den Umgang mit einer Rheumaerkrankung.

Frischekick. Bei Rheuma sollte man viel Obst und Gemüse essen, eine spezielle Diät ist meist nicht nötig. Foto: Lsantilli/Fotolia
Frischekick. Bei Rheuma sollte man viel Obst und Gemüse essen, eine spezielle Diät ist meist nicht nötig. Foto: Lsantilli/Fotolia

Frau Professor Gromnica-Ihle, wie stark ist Ihrer Meinung nach das allgemeine Bewusstsein für die Bedeutung rheumatischer Erkrankungen ausgeprägt?

Das Bewusstsein ist durchaus stark ausgeprägt. Hier hat sich in den vergangenen Jahren auch viel getan. So wissen beispielsweise die meisten Patienten, dass bei der rheumatoiden Arthritis ein möglichst früher Behandlungsbeginn wichtig ist. Das Problem ist nur, überhaupt erst einmal einen Termin bei einem Rheumatologen zu bekommen. Die Vorgabe, möglichst innerhalb der ersten drei Monate nach Krankheitsbeginn einen Rheumatologen aufzusuchen, können nur 20 Prozent der Betroffenen erfüllen. Zwar wird vielerorts versucht, das Problem durch sogenannte Frühsprechstunden zu lösen, doch dieses System ist noch nicht optimal ausgebaut. Heute dauert es bei einer rheumatoiden Arthritis im Durchschnitt 1,3 Jahre, bis ein Patient bei einem Rheumatologen vorstellig wird. Das bedeutet zwar schon einen Fortschritt im Vergleich zur Situation von vor einigen Jahren, aber die Wartezeit ist immer noch viel zu lang.

Warum ist eine möglichst frühe Behandlung so wichtig?

Weil bei der rheumatoiden Arthritis die durch die Entzündungen bedingten Zerstörungen an den Gelenken nicht mehr umkehrbar sind. Mit modernen Rheumamitteln können wir heute effektiv ins Immunsystem eingreifen und bei vielen Patienten einen Krankheitsstillstand erreichen. Doch dafür ist es notwendig, mit der Therapie zu beginnen, bevor es überhaupt zu einer Gelenkzerstörung kommt. Deshalb ist es auch so wichtig, die Frühsymptome zu kennen und ernst zu nehmen.

Was kann der Patient, abgesehen von der Einnahme seiner Medikamente, noch tun?

Das Wichtigste ist zunächst, sich mit der eigenen Erkrankung vertraut zu machen. Ein Patient muss wissen, welche Medikamente er einnimmt, welche Nebenwirkungen diese haben können und wann er einen Arzt aufsuchen sollte. Bedeutsam ist auch, zu wissen, was er selbst gegen die Erkrankung tun kann. Wir nennen das Gesundheitskompetenz. Zu diesen Fragen kann sich der Patient übrigens auch bei der Rheuma-Liga beraten lassen.

Der Umgang mit den Medikamenten ist aber sicher nur ein Aspekt unter vielen.

Natürlich, die chronische Erkrankung erfasst ja immer den ganzen Menschen, und Medikamente sind dabei nicht alles. So ist es beispielsweise wichtig, dass Rheumakranke auf ausreichend Bewegung achten. Das war zum Beispiel auch der Anlass für unsere Kampagne „Aktiv gegen Rheumaschmerz“, die in Berlin auf dem Potsdamer Platz zusammen mit Gesundheitsminister Daniel Bahr begann. Natürlich sollte die Bewegung immer der Erkrankung angepasst werden. Nicht jeder darf joggen gehen. Auch schnelles Gehen oder Schwimmen sind sehr gute Bewegungsmethoden.

Welche Rolle spielt die Ernährung?

Zur Ernährung bei Rheuma findet man natürlich sehr viele Ratgeber. Aber eigentlich muss man bei einer entzündlich-rheumatischen Erkrankung keine besondere Diät durchführen. Ratsam ist die sogenannte Mittelmeerkost; das heißt, man sollte möglichst wenig rotes Fleisch, stattdessen viel Fisch, Obst und Gemüse zu sich nehmen. Wichtig ist es natürlich auch, Normalgewicht anzustreben. Und man sollte unbedingt das Rauchen einstellen.

Welche Bedeutung hat die Psyche?

Tatsächlich weisen etwa 20 Prozent der Patienten mit einer rheumatoiden Arthritis depressive Symptome auf. Und wenn dies der Fall ist, leiden sie meistens auch stärker unter ihren körperlichen Symptomen. Insofern gibt es durchaus Wechselwirkungen zwischen der psychischen Verfassung und der rheumatischen Erkrankung.

Wie sieht es mit der Teilhabe am Arbeitsleben aus ?

Das ist ein ganz wichtiger Punkt – und leider etwas, über das auch in den Arztpraxen viel zu wenig geredet wird. Meistens geht es hier ja nur um Medikamente und Schmerzreduzierung. Wie man aber die Arbeitsfähigkeit erhalten kann und auch wie man seine Freizeit sinnvoll gestaltet, wird hingegen kaum besprochen – auch weil den Ärzten für diese Themen die Zeit fehlt. Dabei ist das für die Patienten ganz wichtig. Übrigens fehlen auch bei den Arbeitgebern wichtige Kenntnisse, beispielsweise darüber, welche finanziellen Unterstützungen für den Umbau des Arbeitsplatzes eines Rheumatikers möglich sind. Dann ist es natürlich auch bei den Mitarbeitern in den Jobcentern wichtig zu wissen, dass viele Rheumapatienten morgens ihre Gelenke sehr schlecht bewegen können – was aber nicht bedeutet, dass sie nicht arbeiten können. Und auch das Problem der Barrierefreiheit, von dem natürlich auch viele Rheumapatienten betroffen sind, ist in Deutschland leider noch nicht gelöst.

Wie wichtig ist generell das soziale Umfeld für einen Rheumapatienten?

Für die Patienten ist es natürlich ganz wichtig, im Arbeits- und im Privatleben Unterstützung und Verständnis zu erhalten. Im Familien- und Freundeskreis ist das oft auch gegeben. Voraussetzung ist, dass man offen über die eigene Rheumaerkrankung spricht und seine Mitmenschen aufklärt – beispielsweise darüber, dass die Erkrankung schubweise verläuft und es immer wieder gute und schlechte Tage geben kann. Und bei schweren Erkrankungen und Behinderungen müssen die Angehörigen natürlich auch häufig Pflegeaufgaben übernehmen, was eine große Belastung sein kann. Hierzu bietet die Rheuma-Liga übrigens auch regelmäßig Kurse an.





Erika Gromnica-Ihle
ist Ärztin und Präsidentin des Bundesverbandes der Deutschen Rheuma-Liga e. V.

Das Gespräch führte Anne Volkmann.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!