MEDITATION ÜBER BOB DYLAN„I’m not there“ : Das Sechsfach-Album

Rüdiger Schaper

Dokus über Bob Dylan? Gibt es schon. Spielfilme? Leider auch: Diese seltsamen Werke, in denen der Meister selbst Regie führte („Renaldo and Clara“) oder sich selbst spielte („Masked and Anonymous“) sind wohl nur härtesten Fans bekannt, und das ist auch in Ordnung. Regisseur Todd Haynes wählt einen dritten Weg. Er spielt mit Dylans Öffentlichkeitsscheu und den Spekulationen, die sich von jeher um das Leben und die Karriere des größten Singer/Songwriters aller Zeiten ranken.

„I’m not there“: Dahinter steckt das berühmte Wort des französischen Höllenpoeten Artur Rimbaud, der zu Dylans frühen Inspirationsquellen gehört: „Ich ist ein Anderer“. Bob Dylan, dessen Name in dem Film nicht einmal fällt, taucht in sechs biografischen Möglichkeiten auf. Als altkluger, schwarzer Tramp von zwölf Jahren, als Rimbaud-Wiedergänger vor Gericht, als quecksilbrige Engelsgestalt (sensationell: Cate Blanchett!), als Schauspieler in der Schaffenskrise (der jüngst verstorbene Heath Ledger in einer schier unerträglich prophetischen Rolle), als bigotter christlicher Prediger (Christian Bale), der an George W. Bushs Missionarentum erinnert, und als untoter, aus Zeit und Raum gefallener Westernheld (Richard Gere, Foto).

Billy the Kid hat seine Exekution überlebt, und Dylan starb damals, im Sommer 1966, bei dem berühmten Motorradunfall. War es nicht so? Gewöhnliche Biopics zerplatzen gegenüber Haynes’ ausufernden Fantasien wie Seifenblasen. „I’m not there“ wirkt wie eine gedehnte Meditation über Rockmusiker und Drogenalbträume, kreative Erschöpfung, medialen Wahnsinn und den Vietnamkrieg. „Dylan“ – ein Kaleidoskop der amerikanischen Gesellschaft, eine Sondierung des gesellschaftlichen Untergrunds, den der Rockhistoriker Greil Marcus in seinem berühmten Buch über Dylan und die „Basement Tapes“ beschreibt. Haynes zeigt in einem berauschenden Strom von Bildfolgen und ständig wechselnden Perspektiven all die Bobs und Dylans und Zimmermänner, die man sich immer schon ausgemalt hat, und noch viele andere mehr. Ein Soundtrack aus originalen Klassikern, hauptsächlich vom „Blonde on Blonde“- Doppelalbum, und irrwitzigen Cover-Versionen (Calexico, Sonic Youth). Nebenbei parodiert „I’m not there“ sämtliche Dylan-Filme, die es je gab – und geben wird. Geisterhaftes Meisterwerk. Rüdiger Schaper

„I’m not there“, USA 2007, 135 Min., R: Todd

Haynes, D: Cate Blanchett, Richard Gere, Heath

Ledger, Ben Whishaw, Charlotte Gainsbourg

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